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STERNFALL (Die Vorgeschichte zu „Kristallseelen“

Sternfallklein

EINS

Astur Taran, Spross verarmten Landadels und Hauslehrer der Schwarzburg, hielt sich vor Lachen den Bauch. Das personifizierte schlechte Gewissen, in Gestalt der Zwillingsprinzen, stand mit rußgeschwärzten Gesichtern vor ihm. Der Raum, wo er seine Experimente durchführte, qualmte und stank. Ja, er hatte sie reingelegt. Und ja, sie hatten es verdient.

„Na? War da jemand verbotenerweise an meinen Elixieren und ungemein gefährlichen Pulvern zugange?“

Doran und Raumont wechselten einen kurzen Blick. Sie konnten es schlecht leugnen, angesichts der Umstände. Also gab es nur eins: Die „Ich bin ja so zerknirscht“-Schiene fahren und vielleicht auch ein wenig Mitleidsheischerei obendrauf. Einen Versuch war es wert.

„Es geschah im Dienste der Wissenschaft!“ Etwas unsicher schielte Raumont zu seinem nur Minuten älteren Bruder Doran. Dieser verzog seinen Mund um wenige missbilligende Millimeter. Aha. Doch zu dick aufgetragen. Zweiter Versuch. „Wir wollten etwas Neues ausprobieren, um euch, verehrter Herr Lehrer, damit zu überraschen und zu erfreuen. Ganz im Sinne von Innizittiatiewe.“

Das letzte Wort ging ihm nur schwer über die Lippen. Sein Bruder kommentierte das mit einem Zucken der linken Augenbraue und seufzte leicht.

„Was Raumont meint, ist …“

Astur Taran unterbrach ihn.

„Ich weiß sehr wohl, was er zu sagen versucht. Wann Ihr Initiative ergreift und wann besser nicht, sollten die Herren Prinzen gründlich überdenken. Heute war es nur übelriechender Rauch. Beim nächsten Mal könntet Ihr in die Luft fliegen, wenn Ihr Euch mit verbotenen Substanzen ohne Aufsicht vergnügt. Dann wäre das Königreich ohne Thronfolger! Ihr habt Verantwortung dem Reich gegenüber und könnt nicht Euer Leben lang Lausbuben bleiben. Haben die Hoheiten das verstanden?“

„Ja, Herr Lehrer. Aber …“

„Kein Aber! Ab mit Euch an die frische Luft, bevor der König …“

„Du meiiine Güüüte!“

Von der Tür her kam ein quietschendes Atemgeräusch. Das ältliche Kindermädchen rang kreideweiß nach Luft. Ihre Schutzbefohlenen waren offensichtlich wieder einmal knapp dem Tode entronnen. Man konnte sie nicht einen Moment aus den Augen lassen, doch waren die beiden inzwischen Meister darin, ihrer Aufsicht zu entrinnen.

„Kein Grund zur Aufregung, meine Teuerste. Die Herren Prinzen haben eine wichtige Lektion gelernt. Sie können sie mitnehmen zum nächsten Waschzuber.“

Astur Taran rümpfte demonstrativ die Nase.

„Neue Bekleidung wäre auch kein Fehler.“

Die Amme watschelte herbei und packte die Missetäter am Kragen und schob sie eisern schweigend vor sich her.

Der Lehrer lächelte. Er mochte die Prinzen sehr. Doran, der leider einen verkrüppelten Arm hatte, war der Klügere der beiden. Es stand zu befürchten, dass sein Vater ihm die rechtmäßige Thronfolge verweigern würde. Ihr zehnter Geburtstag stand bald bevor. Der Tradition gemäß wurden adelige Jungen am Tag nach dem letzten Kindergeburtstag zum Jung-Mann erklärt. Für Raumont würde eine großartige Zeit anbrechen. Er war der fröhliche Raufbold, sein Bruder der Gewissenhafte, der Denker. Schwertkampf, Reiten, die Kunst der Kriegsführung und sportliche Ertüchtigung – das alles war ein Paradies für Raumont, der kaum stillsitzen konnte, weil er so viel Energie hatte. Doran hingegen liebte die Stille, das Lernen. Er begeisterte sich für Geologie und Sternenkunde, war ein hervorragender Leser und Schreiber. Wäre er kein Prinz, so würde er einen guten Anwalt abgeben, denn Gerechtigkeit war für ihn ebenso ein echtes Anliegen. Ach nein, dachte Astur, wäre er kein Prinz, hätte er gar keine Bildung. Die öffentlichen Schulen sind schon von König Thorwins Vater geschlossen worden, um die Machtposition der Adligen gegenüber dem gemeinen Volk zu stärken.

Er zuckte mit den Schultern und öffnete die Fenster in beiden Zimmern weit. Eine Meeresbrise erfrischte die Räume. Astur machte sie auf den Weg nach unten. Den Kopf wollte er freibekommen, musste er! Oh ja. Wie eine zähe Schliere lag Schwermut über seinem Herzen. Dieses Land wurde seiner Meinung nach falsch regiert. Doch ihn fragte ja keiner, jemand wie er wurde am Hof bestenfalls geduldet und nach Nützlichkeit bewertet. Im einfachen Volk schlummerte Potenzial. Ihm die Bildung zu verweigern, war als würde man Bäume am Wachsen hindern, nachdem man sie gepflanzt hatte.

Ein Angehöriger des Hochadels begegnete ihm auf der Treppe. Höflich blieb er kurz stehen, neigte sein Haupt, aber nicht weiter als unbedingt erforderlich, und wollte seinen Weg fortsetzen.

„Wollt Ihr nicht Euren Pflichten nachkommen, Hauslehrer?“

Irritiert sah Astur über die Schulter zurück. Der Adlige, ein entfernter Verwandter der Königin, schaute ihn hochmütig an und deutete auf das Schnupftuch, das auf der Treppenstufe lag. Ob verloren oder mit Absicht fallen gelassen – Astur wusste es nicht zu sagen.

„Ich muss Euch wohl nicht daran erinnern, dass Ihr im Rang weit unter mir steht. Ich warte.“

Zähneknirschend wandte Astur sich um und hob das Tuch mit spitzen Fingern auf und überreichte es dem Fettsack im Brokatgewand. Er hatte in den vier Jahren auf der Schwarzburg gelernt, sich zu beherrschen und zu verstellen. Wenn du wüsstest, wohin ich dir dein Tuch stecken möchte!

 

ZWEI

„Glaubst du, er schläft?“

„Der schläft nie, glaube ich.“

„Aber er hockt da und rührt sich nicht. Der pennt doch. Hat seinen Hut tief übers Gesicht gezogen. Seine Hunde sehe ich auch nicht.“

„Tu’s nicht, Raumont.“

Ein breites Grinsen sagte Doran, dass seine mahnenden Worte, wie fast immer, ungehört bleiben würden.

„Rrraaaaahr!“

Raumont rannte grölend mit ausgebreiteten Armen den Hang hinab und sah mit Entzücken, wie die Schafherde im Talkessel panisch auseinanderstob. Doran zögerte, er hielt Ausschau nach dem Schäfer und mehr noch nach seinen Hütehunden. Und richtig – der Alte hatte unter den Birken kein Nickerchen gehalten. Ein Fingerzeig, und schon liefen die Hunde aus ihrer Deckung los, die Herde unter Kontrolle zu bringen. Raumont bremste seinen Lauf ab und kam ins Straucheln. Fröhlich krakeelend lief er den Hang wieder hinauf und fand alles sehr komisch. Valdan, der Schafhüter, reckte wütend seinen Hirtenstab in die Luft und verfluchte offenbar die Ruhestörer – bis zu dem Moment, als er die Prinzen erkannte. Er nahm seinen Schlapphut ab und deutete eine Verbeugung an. Doran wusste, dass er zwar die Form wahrte, aber dennoch einen Weg finden würde, es ihnen heimzuzahlen. Ihnen. Nicht „ihm“. Er bekam leider auch immer sein Fett weg, obwohl Raumont den Unfug trieb. Als älterer Bruder trug er die Verantwortung. Diese vier Minuten machten viel aus. Was total ungerecht war.

Wenig später saßen sie in einem Pflaumenbaum und ließen es sich schmecken. Raumont hatte seinem Bruder ganz selbstverständlich beim Klettern geholfen, so wie Doran ihm beim Lernen half. Die Steine der blauvioletten, saftig-süßen Früchte spuckten sie in hohem Bogen auf die Streuobstwiese. Das Leben war schön. Das Licht war golden, denn die Sonne versank gerade im Meer. Selbst Raumont war für eine Weile still und zufrieden.

„Ob der Lehrer Vater erzählt hat, was wir heute angestellt haben?“

Doran fühlte sich unbehaglich, bei der Vorstellung, dem König gegenüber Rechenschaft abzulegen. Bei diesem Gedanken erschien das Licht der Abendsonne gleich weniger golden und auch die Pflaumen rumorten in seinem Bauch.

Raumont schüttelte nachdenklich den Kopf. „Glaub eher nicht. Der würde ja selber Ärger bekommen, weil er das Labor nicht abgeschlossen hat.“

„Schon merkwürdig. Der ist doch sonst so gewissenhaft.“

„Vielleicht war’s Absicht und er wollte uns Plage loswerden. BUMM! Verstehste?“

Raumont hielt sich den Bauch vor Lachen, als er Dorans entsetzte Miene sah.

„Mann, du fällst aber auch auf alles rein. Komm jetzt, wird dunkel. Ich will heim.“

Sie sprangen vom Baum und wischten sich die klebrigen Finger an der Hose ab. Unterwegs pflückten die Jungen einen Strauß Wiesenblumen für die Mutter. Vor dem Tor der Schwarzburg lief die Amme auf und ab und rang die Hände. Sie beschwatzte anscheinend die Torwache, nach den Prinzen zu suchen. Als sie die vermeintlich Verschollenen sah, huschten sowohl Freude und Erleichterung als auch Ärger nacheinander über ihr Gesicht. Geistesgegenwärtig teilte Doran hinterm Rücken den Strauß in einen kleinen und einen größeren. Mit einer artigen Verbeugung überreichte er ihr die Blumen, woraufhin sie einerseits dahinschmolz, andererseits ihren Schützlingen gern den Hosenboden versohlt hätte.

„Kommt schnell, gleich wird das Abendmahl gereicht. Ihr müsst euch waschen und umziehen. Heute speist die Königinmutter wieder mit der Familie. Ihr wisst ja, wie sie ist.“

„Großmutter ist wieder gesund? Oje.“

„Nana, nicht so frech. Ihr müsst ihr Respekt erweisen, Ihr königlichen Dreckspatzen. Ab zum Waschzuber!“

 

 

Diener trugen die Reste des Abendmahles aus dem Speisesaal. Der kleine Hofstaat, zu dem auch Astur Taran zählte, der ganz unten am Tisch seinen Platz hatte, fand sich zu kleinen Plaudergruppen zusammen, als unerwartet ein Licht am Himmel aufblitzte. Dann noch eins. Die Vögel, die die windzerzausten Bäume bewohnten, verstummten. Irritiert schauten die Menschen Richtung Fensterfront. Weitere Lichter fielen herab und zogen einen Schweif hinter sich her.

„Sternschnuppen?“, fragte General Tombla.

„Zu früh. Nicht in dieser Jahreszeit“, entgegnete Natta, die Königsmutter.

Astur Taran beugte sich weit aus einem Fenster und sah fasziniert zum Himmel hinauf. Ein Meteoritenschauer!

„Kommt her, Jungs, äh, Ihr Herren Prinzen. Das müsst Ihr sehen.“

Doran und Raumont sahen mit leuchtenden Augen dem Spektakel zu. Die ganze Abendgesellschaft drängte sich nun an den Fenstern. Als dann aber sirrende Geräusche hinzukamen und Feuerbälle verschiedener Größe auf das Land Schlag auf Schlag niederprasselten, gingen sie in Deckung.

Astur schrie: „Alle weg! Geht in Deckung!“

Er schob geistesgegenwärtig die Kinder in den kalten Kamin. Nur Sekunden später knallte ein glühender Stein in den Raum und setzte das Tischlaken in Brand. Der massive Eichentisch hatte nun ein qualmendes Loch. Die Gesellschaft hatte sich kaum von dem Schreck erholt, als ein Meteorit durchs Dach des Nordturmes schlug, wo auch das Studierzimmer lag, und eine Spur der Verwüstung hinterließ.

„Wir werden angegriffen!“, schrie König Thorwin. „Bringt Frauen und Kinder in Sicherheit, ruft zu den Waffen, Tombla!“

Astur rief, das sei sinnlos, eine Fehleinschätzung der Lage, aber der König beachtete ihn nicht. Und so fand sich die kleine, aber schlagkräftige Armee der Schwarzburg wenig später in voller Bewaffnung vor den Toren wieder, nach einem Gegner suchend, der nicht existierte. Ein Opfer gab es dennoch. Der Hauptmann der Reiterei wurde von einem winzigen Meteor getroffen und fiel tot zu Boden. Die Soldaten gerieten langsam, wie ihre Pferde, in Panik und wollten sich in den vermeintlichen sicheren Schutz der Burg zurückziehen, aber den Zorn ihres Königs fürchteten sie mehr. Auf Fahnenflucht stand der Tod durch Sturz von der Klippe.

Grimmig schweigend erkannte Thorwin seinen Irrtum und lenkte sein Pferd zurück, der Tross folgte ihm willig.

 

 

„Taran zu mir!“

„Sehr wohl, Eure Majestät.“

Sein persönlicher Diener eilte davon, den Hauslehrer zu holen. Er fand ihn völlig atemlos auf dem Westturm wieder, von wo aus er mit Begeisterung den Sternfall mit einem Fernrohr beobachtete.

„Astur! Was im Namen aller guten Geister macht Ihr hier oben? Ich suche Euch verzweifelt. Der König verlangt nach Eurer Anwesenheit. Er ist sehr schlecht gelaunt. Eilt Euch!“

„Siehst du das riesige Loch?“, fragte der Hauslehrer begeistert. Er deutete mit zitternder Hand auf die Einschlagsstelle im Nordturm, der halb in Schutt und Asche lag. „Er ist noch da! Ich werde ihn untersuchen. Das ist meine Chance auf Ruhm und Ehre, ich werde der erste sein, der einen gefallenen Stern wissenschaftlich untersucht.“

Dem Diener riss der Geduldsfaden. Er packte ihn am Kragen, zog ihn mit sich und hielt ihm unterwegs einen Vortrag über die bodenlose Dämlichkeit gewisser Leute, die ihren Herrscher warten ließen. Als die beiden eintrafen, kamen ihnen die Prinzen und Jolanda entgegen, die die undankbare Aufgabe hatte, die aufgeregten Knaben in ihr Zimmer zu bringen. Astur zwinkerte den Jungs noch schnell zu, bevor er das Gemach des Königs betrat.

Thorwin starrte ihn finster an. Er hasste es, wenn andere klüger waren als er.

„Woher hast du das gewusst, Lehrer?“

Astur zögerte verblüfft. Ihm war klar, dass die Frage auf den vermeintlichen Angriff zielte. Konnte der Herrscher wirklich so dumm sein?

„Majestät, niemand auf dieser Welt verfügte je über eine solch mächtige Waffe. Es ist ein Naturereignis. In alten Schriften gibt es Zeichnungen von ähnlichen Vorfällen. Ich hielt es bis dato für eine Übertreibung alter Gelehrter. Seit heute weiß ich es besser.“

„Passiert das bald wieder?“

„Unwahrscheinlich.“

„Was genau war das? Die halbe Burg ist zerstört.“

„Mit Verlaub, Herr, nur der Nordturm ist zerstört. Ich bitte untertänigst um die Erlaubnis, den Rest des Sternes bergen zu dürfen, zwecks näherer Untersuchung.“

„Stern, sagt ihr? Warum hat er sich vom Firmament gelöst? Haben die Götter ihn auf meine Burg geworfen? Und warum leuchtet der Stern nicht?“

Für eine Weile sah Thorwin verwirrt und müde aus. Astur hatte seinen König, diesen alten Haudegen, noch nie so schwach erlebt. Fast tat er ihm leid. Fast. Genauer gesagt, fast gar nicht. Er musste die Gunst des Moments ausnutzen, und zwar für sich selbst.

„Mein Herr, lasst mich das Phänomen wissenschaftlich untersuchen, und ich werde euch alle Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantworten können. Das wird Zeit brauchen. Ich brauche auch einen neuen Studierraum. Bitte gestattet, dass der Unterricht der Herren Prinzen vorübergehend ausgesetzt wird.“

Thorwin nickte. Die Jung-Mann-Feier stand eh bevor. Danach hatte der Lehrer aus seinen Diensten entlassen werden sollen, was ihm natürlich niemand gesagt hatte, aber nun erschien es ihm vorteilhafter, den dünnen Hering noch dazubehalten.

„Geh nun und beginne gleich Morgen mit deinen Studien. Nimm, was du brauchst. Der Verwalter soll dich in allem unterstützen. Ich erwarte wöchentlichen Bericht.“

Astur Taran verneigte sich und verließ den Raum, verbarg seine Begeisterung, so gut es ging.

 

Doch war dies der Tag, an dem das große Unglück begann.

Zuerst gab es mehrere kleine Unglücksfälle. Stürze, Verbrühungen. Leitern brachen unerwartet zusammen. Pferde siechten und starben. Dann schlich monatelang eine seltsame Krankheit durch die Burganlage, befiel auch die umliegenden Dörfer. Einigen Menschen fielen die Haare aus, sie hatten Bauchweh und manche starben sogar. Die meisten Adligen verließen unter einem Vorwand die Schwarzburg, besuchten angeblich hilfsbedürftige Verwandte oder wollten auf ihren eigenen Ländereien nach Recht und Ordnung schauen. Als nächstes folgten Missernten in der näheren Umgebung. Die Großmutter der Prinzen fiel zunehmend in Düsterkeit und zeitweilige Verwirrung. Für die Königin begann eine schwere Zeit, denn Natta ließ fortan an ihr kein gutes Haar, hetzte ihren Sohn Thorwin gegen die eigene Frau auf. Die Wesensveränderung war erschreckend.

Sie beriet sich oft mit der Heilerin Alrun, die von der großen Daranta höchstpersönlich ausgebildet worden war. Doch auch sie konnte sich anfänglich keinen Reim darauf machen, weshalb die Königsmutter das Blau ihrer Augen verlor, aber nicht ihre Sehkraft.

„Frau Königin, ich habe den Verdacht, dass etwas Böses mit dem Stern vom Himmel gefallen ist und sich in den Mauern der Burg eingenistet hat. Auch der Hauslehrer zeigt Wesensveränderungen. Er ist förmlich besessen von seiner Forschung.“

Die Herrscherin teilte die Meinung der Heilerin, doch der König wollte nicht auf sie hören. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte man den Brocken geschmolzenen Gesteins längst über die Klippen gestürzt.

„Alrun, was ich dir jetzt sage, musst du unbedingt für dich behalten.“

„Ja, Herrin.“

„Manchmal sehe ich etwas.“

Die Heilerin horchte auf.

„Seit dieser Nacht der fallenden Sterne sehe ich manchmal eine Art schwarzen Staubes durch die Burg schweben. Er fühlt sich kalt an. Eiskalt. Manchmal lässt er sich auf den Köpfen und Schultern der Diener nieder, schwebt dann weiter. Manchmal sinkt er auch in ihre Haare ein. Selbst beim König habe ich das beobachten können. Der Staub verweilt lange bei ihm. In dieser Zeit ist er dann besonders ungnädig und beachtet weder mich noch unsere Söhne.“

Sie atmete schwer, das Thema ängstigte sie. Einige Male hatte die Schwärze versucht, auch sie zu befallen. Aber etwas schien sie zu schützen, ebenso Doran und Raumont.

„Das Zeug hat wirklich etwas Böses an sich. Und es hat dieselbe Farbe wie Nattas Augen.“

„Frau Königin, ihr sprecht aus was ich denke.“

„Und weißt du auch, was ich denke, Alrun?“

„Ja.“

Die Königin begann zu weinen.

„Die Kinder und ich sind hier nicht mehr sicher. Ich fürchte, dass Natta mir etwas antun wird. Und sie verachtet neuerdings Doran. Wegen seines Armes! Aber er kann doch nichts dafür.“

„Und Ihr auch nicht, Frau Königin. Ihr seid ebenso unschuldig an seiner Behinderung. So etwas passiert nun mal hin und wieder unter der Geburt. Es ist tragisch, aber das Leben ist gefährlich. Vom ersten Lebenstag an. Alle Frauen wissen davon ein Lied zu singen. Übrigens, Euer Doran ist sehr klug und feinfühlig. Er hat noch vor mir geahnt, dass das Böse über uns gekommen ist in der Nacht des Sternfalls.“

„Wirklich? Zu mir hat er nichts gesagt, der gute Junge. Ich werde meinem Gemahl nie verzeihen, dass er Doran nicht als Thronfolger eingesetzt hat. Die Jung-Mann-Feier sollte der schönste Tag im Leben eines Jungen sein, aber er hat seinen Erstgeborenen vor aller Welt gedemütigt. Ich hatte immer geglaubt, Doran würde der nächste König sein und Raumont sein oberster Minister und Feldherr. Das wäre ein Segen für das Reich gewesen. Ich bin mir sicher, Natta hat das von Thorwin verlangt. Er hört fast immer auf seine Mutter. Sie umgarnt neuerdings auch Raumont. Ich hoffe, ihr Einfluss auf ihn ist nicht stärker als meiner. Alrun, da ist noch etwas, was mir auch große Sorgen macht:

Sie hetzt gegen das Waldvolk!“

 

DREI

Raumont konnte nicht in den Schlaf finden. Etwas ging da draußen vor. Sein Bruder schnarchte leise neben ihm. Kurz überlegte er, ihn zu wecken. Den Gedanken verwarf er sofort wieder, denn Doran würde ihm doch nur sagen, er solle gefälligst weiterschlafen. Da! Es klirrte wieder leise. Er kannte dieses Geräusch, denn seit einigen Monaten wurde er im Kampf ausgebildet, wie es einem Thronfolger zustand. Ein wahrer König musste ein ganzer Mann sein, er musste mit seiner Armee in die Schlacht ziehen können. Dafür brauchte man einen klugen Kopf, ein wackeres Herz und zwei starke Arme. Was Ersteres anging, war er sich nicht ganz sicher, was seine Person betraf. Doch Mut und Kraft hatte er im Übermaß.

Er zog leise Kleidung und Stiefel an, schlich sich hinunter auf den Burghof zu den Stallungen. Schnell sattelte er sich ein Pferd und ritt Richtung Burgtor. Aber dann wurde er gewahr, dass die Männer der Nahkampftruppe an den Ställen vorbeischlichen und durch das kleine Tor, das zur Klamm führte, zu Fuß entschwanden. Er kehrte um und ließ sein Tier auf dem Burghof zurück. Die Zügel schleiften über den Boden. Plötzlich legte sich ein kalter Schleier um seine Schultern. Raumont erschauerte. Er verspürte den unwiderstehlichen Drang, kalten Stahl in seinen Händen zu halten. Kurz entschlossen rannte er zur nächsten Waffenkammer, nahm sich ein Schwert und folgte den Männern. Es dämmerte schon. Der Abstieg durch die Klamm verlief ruhig und geordnet. Das spärliche Licht des herannahenden Tages reichte aus, um sicheren Tritt zu haben. Raumont verhielt sich geschickt, niemand bemerkte ihn. Um keinen Preis hätte er sich zurückschicken lassen wollen. Er wollte seinem Vater, den er an der Spitze der Truppe längst ausgemacht hatte, beweisen, dass er ein vollwertiger Kämpfer war.

Sie drangen immer tiefer in den Wald ein, der Holderforst reichte von den Flüssen bis zum Berg, auf dem die Schwarzburg thronte. Raumont beobachtete, wie ein seltsamer dunkler Nebel über der Truppe schwebte und sich auf ihre Haare legte, in Augen und Ohren eindrang, Mann für Mann. Er fühlte sich frei und unbesiegbar. Doch als er verstand, wer das Ziel des Überfalles sein würde, wurde sein Herz schwer. Mutter hatte immer schöne Geschichten über die Waldleute erzählt, und manchmal sang sie auch deren Lieder.

Kurz darauf hörte er die ersten Schmerzensschreie. Die Männer seines Vaters kannten kein Erbarmen. Ihm wurde übel vom Anblick der sterbenden Waldmenschen, die sich in ihrem Blut wälzten und er musste sich übergeben. Verachtenswerter Schwächling … zischelte eine Stimme in seinem Kopf. In diesem Moment begriff Raumont, dass ein Dämon alle Königstreuen in seiner Gewalt hatte. Mit einem Gefühl, als würde er mit eiskaltem Wasser übergossen, nur anders herum, von unten nach oben, verließ die Schwärze seine Gedanken und Gefühle und breitete sich verstärkt über die Meuchelmörder aus. Denn genau das waren die Soldaten an diesem Tag – Mörder!

 

 

 

 

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Dann achten Sie im Spätsommer/Frühherbst auf eine Neuerscheinung namens „Kristallseelen“

 

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