Sein größter (und heimlicher) Wunsch

Wovon träumt ein kleiner Elb? Was mag sein innigster Wunsch sein? Erfahren Sie es hier und jetzt!

 

 

 

Sein heimlicher Wunsch

-EINS-

 

Auf der Lichtung in der Mitte des Waldes von Magiyamusa hatte sich eine kleine Gruppe Anderweltler versammelt. Der Meisterlehrer Endurion blickte zufrieden auf die im Halbkreis sitzenden Schüler. Er hatte das Glück, in einer geburtenstarken Ära unterrichten zu dürfen. Da Elben und die meisten anderen Wesen der Anderwelt sich durch eine extreme Langlebigkeit auszeichneten, war Nachwuchs selten und kostbar. Und nun saßen vor ihm sage und schreibe gleich vier Elbenkinder, etwa im selben Alter.

Nacheinander blickte er sie an. Da war die überaus zarte Elbin, die dem Element Luft angehörte. Ihre Haut war durchscheinend, die Haare fast weiß, selbst ihr Name war nur ein Hauch. Nur Luftelben konnten ihn korrekt aussprechen, besser gesagt: Aushauchen. Wenn sie durch den Wald schritt, war es mehr ein Schweben und die Blätter der Bäume tanzten entzückt in dem lieblichen Luftstrom, den sie durch ihren Atem bewegte.

Das nächste Kind war wesentlich robuster. Tamrin, ein lustiger Bursche, der es liebte, mit seiner Vorstellungskraft Felsen zu modellieren. Neulich hatte er sogar die Hagedornkönigin in einer Felswand des Berges Chrysotann verewigt. Zur Erleichterung des Meisterlehrers befand sich die humorlose Königin gerade im Baumschlaf und hatte das „Kunstwerk“ nicht gesehen. Endurion hatte heimlich einen Zauber hineingewoben, der das Bildnis im Moment des königlichen Erwachsens in ein überaus schmeichelhaftes verändern würde.

Die dritte im Bunde war eine Wasserelbin. Ein rätselhaftes Wesen, das nicht gerne sprach, aber alles kommentierte, was nicht ihren Vorstelllungen von „richtig oder falsch“ entsprach. Uisge hatte sich lange Algen ins Haar geflochten und trug eine Halskette aus lebenden Fischen, die munter im Kreis um ihren mageren Hals schwammen. Ein magisches Geschenk ihrer Mutter zur Einschulung.

Der vierte Schüler war ein blauhaariger Feuerelb mit dem ungewöhnlich fremdartigen Namen Fearghas. Endurion hatte ein wenig üben müssen, um ihn korrekt auszusprechen, er klang wie Ferragasch. Der Junge hatte einen recht sprunghaften Charakter. Immerzu Feuer und Flamme für Neues, immerzu in Bewegung! Immer begeistert, bis zu dem Moment, wo sein Interesse an einer Sache erlosch und er sich einem neuen Wissensgebiet zuwandte. Endurion hielt ihn für den vielversprechendsten Schüler.

„Heute, meine lieben Kinder, wollen wir einen Trank zubereiten, der, wenn er euch gelingt, viel Ruhm und Ehre einbringen wird. Mit diesem Elixier kann man Edelsteinen zu noch größerer Schönheit verhelfen. Ihr braucht dazu Krzystowink-Wurzeln aus dem Reich der Steintrolle und Allulalaara-Beeren, die am Fuße des Chrysotann-Gebirges wachsen. Es ist nicht einfach, sie zu ernten. Lasst euch überraschen, was ich damit meine. Und nun geht, gebraucht eure Sinne und eure Magie! Ich bereite während eurer Abwesenheit die Kochstellen vor.“

„Kochstellen?“, fragte Tamrin. „Wieso denn das? Sollen wir nicht einen Sprechzauber anwenden?“

„Nein, gewiss nicht. Dafür seid ihr noch nicht reif genug. Ihr werdet den Trank kochen. Ja, wie auf Menschen-Art in einem Kupferkessel über dem Feuer. Das wird ein Spaß!“ Der Meisterlehrer lachte vergnügt in sich hinein.

Uisge entgegnete keck, davon habe sie schon gehört, dass der ehrwürdige Meister eine Vorliebe für die Dinge der Menschenwelt habe, doch hätte sie es nicht glauben wollen. Aber nun stelle sie fest, dass dem doch so sei. Ihre Algen im Haar kräuselten sich, was das elbische Pendant war zu Haaren, die vor Schreck zu Berge standen.

Endurion warf ihr einen strengen Blick zu, woraufhin die Fischlein sich erschrocken blubbernd in ihren Haaren versteckten.

„Nun aber los, ab mit euch, holt die Zutaten!“

 

 

Lange Zeit später, als zur Zufriedenheit des Meisters drei Kessel brodelten und dampften und die Schüler sich mit den Feinheiten der Zubereitung abmühten, kam auch Fearghas in aller Seelenruhe angeschlendert. Er trug die stinkende, schleimige Krzystowink-Wurzel in einem aus Farnstengeln eigens gewobenen Beutel und die Allulalaara-Beeren hatte er auf einen Faden der Eisenspinne gezogen. Kleidung, Gesicht und Hände trugen deutliche Spuren der Arbeit.

Uisge kicherte bei seinem Anblick und versprühte dabei Schwaden von feinen Wassertröpfchen.  Tamrin hatte ein breites Grinsen im Gesicht, sagte aber nichts. Er war eh der Meinung, dass ein guter Elb solch einem Versager und Sonderling, wie Fearghas einer war, keine Beachtung schenken sollte. Allein schon der menschliche Name! Das ließ doch tief blicken. Die kleine Elbin der Luft seufzte und schaute angewidert auf die zerkratzten Hände, die zerrissene Kleidung und überhaupt! Dieser Mitschüler war einfach unter ihrer Würde.

Endurion hingegen lächelte milde. „Fearghas, komm näher. Sag, was hast du da für ein Ding in der Hand?“

Fearghas antwortete stolz: „Ich nenne es einen Grabler. Damit habe ich die Wurzel ausgegraben.“

„Interessant! In der Welt der Menschen nennt man so ein Gerät Schaufel. Du hast nicht deine Magie benutzt?“

„Doch, doch, Meister. Ich habe mit meiner Magie diesen Gegenstand erschaffen und damit habe ich dann tief gegraben, bis die ganze Wurzel frei lag. Das war schwere Arbeit, aber ich habe nicht aufgegeben. Das Loch war zuletzt tiefer als ich lang bin. Zu meinem Glück kam ein Langarm-Zwerg des Wegs, er hat mir herausgeholfen. Der Stein-Troll wollte nicht helfen, der hat mich bloß ausgelacht und Kiesel nach mir geworfen, als ich da unten im Loch festsaß. Und schau, Meister, so viele Beeren! Und ich habe auch nicht geweint, als die Dornen meine Hände zerkratzten.“

Gerührt wollte Endurion dem Knaben übers Haar streicheln, doch hielt er sich im letzten Moment zurück, da er vor den anderen Kindern keine Schwäche oder besondere Zuneigung zeigen durfte. Aber dieser jüngste und kleinste seiner Schüler rührte sein altes Elbenherz an.

„Lieber Junge, was ich meinte, war: Warum hast du nicht mit magischem Gesang die Wurzel dazu bewogen, dir entgegenzukommen? Und auch die Dornen des Allulalaara-Strauches hättest du mit Magie weich zaubern können für die Zeit des Pflückens.“

Fearghas machte ein betretenes Gesicht. „Oh.“

„Nun denn. Du hast den ersten Teil der Aufgabe erfüllt. Zwar nicht so, wie ich es erwartet hätte, aber deine Vorgehensweise ist sehr originell. Gut gemacht, mein Schüler. Jetzt gehe zu deinem Kessel und erinnere dich, was ich euch neulich über Zaubertränke gelehrt habe. Denk daran: Das Feuer unter dem Kessel muss sehr heiß sein, sonst wandelt sich nicht der Schleim der Wurzel.“

Eifrig lief Fearghas zu seinen Mitschülern und schüttete Wurzel und Beeren in seinen Kessel. Dann trat er drei Schritte zurück und spie mit Inbrunst eine Flamme aus, die für drei Kessel gereicht hätte. Im nächsten Moment hüllte eine schwarze, stinkende Rauchwolke Schüler und Lehrer ein. Selbst die Bäume, die die Lichtung umstanden, waren von Ruß bedeckt und fingen an zu husten.

Tränen liefen über Fearghas‘ Gesichtchen. Was hatte er nun wieder falsch gemacht?

„Beim großen Dagda!“, rief Endurion aus. „Du hast das Wasser vergessen!“ Der Meisterlehrer schwenkte mit weit ausholenden Bewegungen des Armes seinen Zauberstab aus Haselholz und sog die Rauchwolke ein. Gegen den Gestank konnte er leider nichts ausrichten. Er nahm den Unglücksknaben tröstend in seine Arme und wischte ihm unauffällig die Tränen ab, inständig hoffend, dass die anderen Kinder das Weinen nicht bemerkt hatten. Elben weinen nicht. Nie!

„Der Unterricht ist für heute beendet. Geht alle heim.“

Ernst schaute er Fearghas hinterher, der mit hängenden Schultern im Wald verschwand. Er hatte den Gerüchten über seine Herkunft keinen Glauben schenken wollen. Doch nun hatte er es mit eigenen Augen gesehen. Tränen! Das konnte nur eines bedeuten.

 

-ZWEI-

 

Fearghas schniefte und wischte sich das komische Wasser weg, das über sein Gesicht lief. Uisge hat wirklich eine sehr feuchte Aussprache, dachte er. Ihm entfuhr ein abgrundtiefer Seufzer. Er hatte sich so viel Mühe gegeben und dann endete alles in Aufruhr. Wieder einmal gründlich blamiert. Es schien aber auch nichts zu geben, was er wirklich gut konnte. Gandarel und Andariella, seine Eltern, hatten bisher viel Geduld mit ihm gehabt. Aber jetzt, wo er groß genug war, in die Waldschule zu gehen, erwarteten sie mehr von ihm. Wie sollte er sie nur zufriedenstellen?

Entmutigt hockte er sich auf eine Baumwurzel und schmiegte sich an den rauen Stamm. Der Baum hatte ein Herz für kleine Elben und tätschelte das Kind mit seinen Zweigen. Die Blätter kitzelten Fearghas an der Nase und er musste niesen. Dabei entfuhr ihm ein kleiner Feuerstrahl aus dem linken Nasenloch und der Baum zog erschrocken seine Zweige zurück. Ein zweiter Seufzer, noch abgrundtiefer, entfuhr dem Elbenknaben. Eine Entschuldigung murmelnd, erhob er sich und ging tiefer in den Wald hinein. Da flatterte ihm ein Flügelbote entgegen. Der Träger der Kunde, wie er auch von den Bewohnern Magiyamusas genannt wurde, hielt direkt auf ihn zu und überbrachte eine Botschaft. Die Gedankenbilder des Absenders waren in Form von Symbolen in den magischen Flügelstaub gebannt. Beim Empfänger angekommen, flatterte der Bote heftig mit seinen großen Flügeln und der Staub ordnete sich in eine vielfarbige Form und auch in Klang. Das Bild zeigte Fearghas seinen Vater Gandarel. Es ertönte eine wortreiche Ermahnung, nicht wieder zu spät zum Benimm-Unterricht zu erscheinen, den Andariella höchstpersönlich erteilte. Du weißt doch, wie deine Mutter ist! Mit diesem Satz endete die Botschaft. Der nunmehr entleerte „Staub“ schwebte zurück auf die Flügel und der Träger der Kunde flatterte eilig davon, seinem nächsten Auftrag entgegen.

Allerdings wusste Fearghas, wie seine Mutter war! Streng und vornehm bis zum Abwinken. Nach dem Desaster, das er heute auf der Lichtung angerichtet hatte, mochte er sich nicht auch noch dem Drill der ehrwürdigen Andariella aussetzen. Er überlegte, was er stattdessen tun könnte und ging in Gedanken seine persönliche Liste an unterhaltsamen Streichen durch. Vielleicht könnte er einen der blauen Schwäne der Hagedornkönigin in Rosa umfärben? Oder ihm wenigstens ein paar lustige Streifen verpassen? Ob die Königin noch schlief? Wenn nicht, wäre das Risiko, erwischt zu werden, zu groß. Er könnte auch an den Fluss Moramag gehen und dessen Wasser mit seinem Feuer erwärmen, das konnten die dort lebenden Wasser-Kobolde gar nicht leiden. Allerdings hatte er beim letzten Mal eine Tracht Prügel einkassiert. Manche Wasser-Kobolde kamen offensichtlich doch problemlos an Land, was er eigentlich nicht erwartet hätte. Pech gehabt.

Da hörte Fearghas ein leises Zischen. Er kannte dieses Geräusch. Ein Portal war dabei, sich zu öffnen. Das war die Gelegenheit für ihn! Der kleine Elb schlich sich an. Ja, dort hinter dem moosbewachsenem Fels entstand ein Durchgang zur Erde. Aufmerksam beobachtete er die Umgebung, ob ein Erwachsener zugegen war, der ein Tor mittels Reise-Amulett öffnete. Aber nein. Keiner weit und breit. Dieses Portal war ein Webfehler in der Matrix. Wunderbar. Noch nie war Fearghas auf der anderen Seite der Wirklichkeit gewesen. Diese Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen. Er hatte schon immer wissen wollen, welche Gestalt er in der anderen Welt annehmen würde. Wild entschlossen nahm er Anlauf und sprang hindurch. Während er durch Zeit und Raum schwebte, fiel ihm ein, dass er gar nicht wusste, wie er zurückkommen würde, sollte das Tor sich unerwartet schnell schließen.

Fearghas purzelte aus dem Portal und fiel auf die Nase. Ihm war schwindelig, auch konnte er alles nur verschwommen sehen. Damit hatte er nicht gerechnet und es ängstigte ihn ein wenig. Was, wenn das Tor sich schloss, während er hier hilflos lag? Doch schon im nächsten Moment ließ das Schwindelgefühl nach und er fühlte sich wieder wohl. Dann klarte auch sein Blick auf. Das erste, was er sah, waren seine klauenbewehrten Pfoten. Pfoten! Beim großen Dagda – was war er? Fearghas sprang auf und landete auf vier stämmigen Beinen. Aufgeregt schlug sein Schwanz … Schwanz? Rote Schuppenhaut! Eine lange Schnauze! Bei allen Göttern – er war ein Drache! Fearghas war das glücklichste Feuerelben-Kind aller Welten. Sein heimlicher Wunsch, seine größte Hoffnung, war Realität geworden. Er stampfte mit seinen kräftigen Beinen und führte einen Drachentanz auf. Dabei behielt er trotz aller Begeisterung das Portal im Auge. Er wusste, wenn es wieder anfing zu zischeln, musste er sofort hindurch gehen, um in seine Welt zurückzukehren. Noch war es still. Er entfernte sich ein wenig, um diesen Teil der Erde zu erkunden. Auch hier war Wald. Die Bäume waren ähnlich wie die aus Magiyamusa, aber sie waren so still und starr. Ob sie nicht an seiner Freude teilhaben konnten? Fühlten die Erd-Bäume überhaupt etwas? Fearghas nahm sich vor, Endurion zu diesem Thema zu befragen. Aufmerksam behielt er das Tor im Auge. Immer noch war es stabil. Sollte er es wagen? Seine Nüstern nahmen einen überaus interessanten Duft wahr. Ähnlich wie der Klang von aufblühenden Moos-Sternen. Aber er hörte hier nichts, nur seine Nase spürte etwas. Wie merkwürdig. Wie verwirrend! Funktionierten Sinnesorgane auf der Erde anders? Auch hierzu würde er Endurion befragen müssen.

Seine Neugier überwog nun die Vorsicht und er entfernte sich weiter vom Tor. Da, ganz hinten im Wald, auf einer kleinen Lichtung, entdeckte er ein Rudel Tiere. Das konnte er jetzt schon, Tiere von Menschen unterscheiden. Sein Vater hatte es ihm einmal erklärt. Das größte der Tiere hatte auf seinem Kopf etwas in der Art von Hörnern, ungefähr so wie ein junger Berg-Troll sie hat. Aber sie waren verzweigt und sahen viel interessanter aus. Kleinere Tiere, die ihm sehr ähnlich waren, taten sich am grünen Gras gütlich. Die Farben hier auf der Erde waren wirklich seltsam. Aber interessant! Die Kleineren hatten keine Hörner, aber dieselbe Fellfarbe. Fearghas dachte scharf nach. Wenn er sich richtig erinnerte an die Lektion von Gandarel, dann musste es sich hier um einen Kirsch und seine weiblichen Untertanen handeln. Oder hieß das Hirsch? Birsch? Er wusste es nicht mehr so genau. Und dann machte sein Drachenherz einen Hüpfer. Da war ja noch ein Lebewesen! Von ihm ging dieser angenehme Duft aus. Es trug ein langes, weißes Gewand und einen kleidsamen metallenen Reif auf dem Kopf. Eindeutig ein Mensch! Und ebenso eindeutig ein Mädchen. Ihre Haare reichten fast bis auf den Waldboden und waren schwarz wie die Füße eines Sumpf-Trolls. Fearghas, der das Zischeln des Tores überhörte, weil er sich ganz und gar auf die unverhoffte Gesellschaft konzentrierte, schlich sich an das niedliche Mädchen an. Er wollte sie überraschen! Was sie wohl zu Besuch aus der Anderwelt sagen würde? Fearghas überlegte sich eine besonders freundliche kleine Ansprache, doch sollte er nicht dazu kommen, auch nur ein Wort davon über seine nunmehr wulstigen Lippen zu bringen. Sein hohes Gewicht, das er als Drache hatte, ließ einen dicken Ast unter seiner linken Vorderpfote bersten und das Mädchen fuhr erschrocken herum.

Sie fing an zu kreischen, und Fearghas entfuhr vor lauter Schreck eine Rauchfahne. Der Hirsch floh mit seiner Herde und die Eule in der Eiche erwachte aus ihrem Tagesschlaf.

„Bitte, nicht schreien! Lauf nicht weg! Ich will doch nur mit dir reden.“

Dem Mädchen versagte die Stimme und sie verstummte auf der Stelle. Ihr Mund blieb offen stehen, was, ehrlich gesagt, nicht besonders intelligent aussah. Einen Drachen zu sehen, groß wie ein Pferd, war schon schlimm genug. Einen Drachen dann auch noch sprechen zu hören, das ging über ihre Kraft. Sie verdrehte die Augen und fiel in eine gnädige Ohnmacht.

Ratlos blieb Fearghas neben ihr stehen. Er stupste sie dann und wann mit einer seiner goldenen Krallen vorsichtig an. Ohne Erfolg. Dann leckte er mit seiner rauen Zunge einmal quer über ihr Gesicht, von Ohr zu Ohr. Kein Erfolg.

„PRINZESSIN! Haltet durch, Hochwohlgeborene! Wir eilen zu Eurer Rettung!“

Vier Ritter in voller Rüstung brachen durchs Unterholz und griffen den verdutzten Fearghas mit Schwertern und Piken an.

Menschen mit metallener Haut? Das hatten weder Gandarel noch Endurion jemals erwähnt.

Die Drachenhaut war zum Glück unverletzbar, wie Fearghas erleichtert feststellte. Doch als der größte der Männer ihm eine Pike ins Nasenloch stach, quiekte er in höchsten Tönen und fand das gar nicht lustig. Er musste niesen, und natürlich entfuhr ihm dabei ein Feuerstrahl, der leider gewissen Schaden anrichtete. Die Haare des Mädchens waren nun nicht mehr bodenlang, eher hüftlang. In dem Durcheinander ergriff einer der Beschützer die ausgebüxte Königstochter und trug sie auf seinen Armen davon. Die verbliebenen Ritter hieben weiterhin todesmutig auf den verstörten roten Drachen ein.

„Ich wollte doch nur ein wenig mit ihr reden!“, rief er. „Was ist denn daran so falsch?“

Ärgerlich schlug er mit seinem Schwanz die Männer aus seiner Reichweite.

Das Erscheinen eines Drachen im königlichen Forst war eine Sache. Ein sprechender Drache allerdings, war eine andere Sache! Das fiel nicht in den Zuständigkeitsbereich eines wackeren und unterbezahlten Recken, das überließen sie lieber dem Priester und Teufelsaustreiber. Eilends zogen sie sich zurück, zufrieden damit, das Königskind gerettet zu haben aus den goldenen Klauen eines Ungeheuers.

Mit leerem Blick stierte Fearghas ihnen hinterher. Er fühlte sich von der ganzen Situation nun doch etwas überfordert. Die Erde war nicht das, was er sich erhofft hatte. Aber immerhin kannte er nun seine Gestalt, die er in der anderen Wirklichkeit hatte. Ein Drache zu sein, war eine ehrenvolle Angelegenheit für einen Feuer-Elb aus Magiyamusa. Der Ausflug hatte sich insgesamt gelohnt. Da hörte er ein Räuspern hinter sich. Noch ein Metall-Mann? Er drehte sich langsam um und zuckte mit dem Schwanz, was, wie er hoffte, gefährlich aussehen sollte. Doch unter der Eiche stand ein unbewaffneter Mensch. Er trug einen Schlapphut, der sein fehlendes Auge nur unvollständig verbarg.

„Hattest du genug Spaß für heute?“

Fearghas antwortete nicht. Seiner Erfahrung nach kam das bei Menschen nicht gut an.

„Das Portal hat sich inzwischen geschlossen.“

„Oh“, entfuhr es ihm.

Moment! Wieso wusste der da von dem Portal? Fearghas kniff seine Augen zusammen und betrachtete den Mann, der da so gelassen und feixend am Baum lehnte, genauer. Irgendwie kam er ihm bekannt vor. Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen! Wie Drachenschuppen, um genau zu sein. Vor ihm stand kein Geringerer als Midir. Halbgott, Weltenwanderer und Fürst der Anderwelt!

Mit der ganzen Anmut, die einem Drachen zur Verfügung steht, verbeugte sich Fearghas tief, so wie seine Mutter Andariella es ihn gelehrt hatte.

„Hoher Herr! Ich grüße Euch und bin Euer untertänigster Diener.“

Diese Worte kamen dem, was seine Mutter ihm tatsächlich beigebracht hatte, ziemlich nahe.

„Du hast hier für etwas Aufregung gesorgt, stimmt’s?“

„Nun ja.“ Verlegen kratzte sich Fearghas hinter seinem spitzen Ohr. „Eigentlich wollte ich nur …“

Midir machte eine kleine Handbewegung und murmelte eine magische Formel. Einen Moment später war aus dem pferdegroßen, stattlichen Drachen ein ganz kleiner geworden, etwa so groß wie ein Kaninchen oder eine Ratte. Enttäuscht blickte Fearghas an sich herab. Warum bestrafte der Fürst ihn so hart?

„Das ist keine Strafe, mein kleiner Abenteurer. Das dient deinem Schutz. So bist du viel unauffälliger. Sag, wie gedachtest du wieder zurückzukommen?“

„Durch das Portal, mein Fürst.“

„Das hat sich längst geschlossen.“

„Oh.“

Verlegen scharrte Fearghas mit den Pfoten über den Waldboden. Er saß diesmal richtig in der Klemme.

„Hast du ein Glück, mein Kleiner, dass ich zufällig in Gwynned unterwegs war, um die Ogam-Steine zu zählen.“

„Gwynned? Ich dachte, ich sei auf der Erde.“

„Das bist du auch. Hier gibt es viele Namen für die vielen Länder und Reiche der ganzen Welt. Du hast noch viel zu lernen. Nun komm, lass uns heimkehren.“

„Aber mein Fürst, Ihr habt doch gesagt, das Portal sei geschlossen.“

„Und wenn schon, ich bin der Herr der Anderwelt, ich komme und gehe wie es mir beliebt. Setz dich auf meine Schulter, Kleiner.“

Fearghas spannte seine Flügel weit aus und gehorchte erleichtert. Als sie nach dem Überwinden von Zeit und Raum im Wald von Magiyamusa standen, war er wieder der Elbenknabe. Midir setzte ihn von seiner Schulter ab.

„Mein Fürst, werdet Ihr meinen Eltern davon erzählen?“

„Hast du denn vor, ihnen von deinem Abenteuer zu berichten?“

„Nein, Herr!“

„Siehst du, ich auch nicht.“

Midir zwinkerte ihm verschwörerisch zu und bedeutete ihm, sich zu trollen. Mit einem wehmütigen Lächeln blickte er dem Sohn seines Herzens und seiner Lenden hinterher.

Er kommt ganz nach seiner Mutter, dachte Midir.