aus dem Mondrunenbuch

Mond-Runen

(„Schwertgeist“ zugehörig)

 

Die Mond-Runen sprechen für mich. Vernehmt meinen Ruf aus ferner Zeit! Dies müsst Ihr wissen, meine Schwestern in Gaia: Bevor die ersten Menschen und Elben durch Albions Wälder wandelten, erwachte die erste der Hagedornköniginnen und so auch ich, ihre Zauberin. Sie, die Gestalt gewordene Kraft unserer Götter, hauchte das Wort der Macht aus und Albion wandelte seine Wildheit unter den Sternen.

Wir sangen, wir träumten.

Wir waren die heiligen Kinder von Danu und Dagda.

Wir waren die Hüterinnen der Insel.

Jeder Gesang aus königlicher Kehle war eine Weisung an den erstarkenden Geist der Insel. Als ihr Werk getan war, fiel meine Königin in den großen Schlaf und zog sich in den Hagedorn zurück. Ich, die Zauberin, wob aus den Lebensfäden, die ihrer heiligen Hand – nunmehr ein zarter Ast – entströmten, den großen Schicksalsteppich.

Ich wob das Schicksal Albions, verknüpfte die Leben der Helden mit den Lebensläufen der Schwachen. Mit Andacht nahm ich die Lebensfäden der Könige und Priester auf und flocht sie in das Gewebe. Weisheit, Güte, Charakterfestigkeit – all das gab ich den Herrschern und Helden des Volkes. Schöner und prächtiger, weiter und tiefer, so malte ich das Lebensgemälde der Insel, die von den Göttern so sehr geliebt wurde.

Menschen, Elben und Feen, Tiere und Pflanzen, nahmen ihr Leben auf. Mit Liebe schaute ich ihnen zu.

War ich nicht achtsam genug gewesen? War ich gar hochmütig geworden angesichts der Herrlichkeit, die ich aus dem Reich der Möglichkeiten hinabholte auf die jungfräuliche Insel? Zu spät, zu spät … Schattenschlangengleich verdarben jählings fremde Fäden die Harmonie, die hehre Absicht. Hader und Zwist schlängelten sich hassgetränkt im Gewebe, wickelten sich würgend um Einigkeit und Redlichkeit. Verzweifelt sah ich mich um. Woher kam es?

 Da sah ich ihn! Rotäugig, flammenzüngelnd, lugte ein Dämon hinter dem Heiligen Stein hervor. Sein langer Hals reckte sich mir entgegen, seine vier dicken Beine stampften vor Vergnügen auf Erde und Moos. Hämisch grinste er mich an. Mit scharfer Kralle ritzte er eine Dunkel-Rune in den Fels und offenbarte mir seine wahre Natur.

Der, den ich für einen Dämon der Unterwelt gehalten hatte, war der letzte der falschen Drachengötter!

Der, von dem die alten Sagen nur wispern und flüstern.

Doch die noch größere Schande, der FREVEL dieses Dämons, würde etwas anderes sein … ich konnte es sehen, die Fäden woben sich nun von selbst, und so tat ich einen Blick in die Zukunft. Und durch seine Tat wird das Verlangen, sich der Finsternis zuzuwenden, weitergetragen werden, Generation für Generation. Hader und Zwist, Gewalt und Lüge, Feigheit und niedere Gesinnung – all das wird die Schönheit der Schöpfung mindern und hemmen.

Ich rief nach Danu und Dagda, doch sie schliefen in der Krone Yggdrasils, ebenso wie meine Königin im Hagedorn. Gaia jedoch, der Schutzgeist der Erde, Mutter Natur, antwortete mir. Ich sah sie wie im Traume, sie wob neue, funkelnde Fäden in den Schicksalsteppich und vollendete ihn für mich. Meine Dankbarkeit darob wurde dann überlagert von Zorn. Wahrlich heiliger Zorn bemächtigte sich meiner. In diesem Moment wurde aus mir die Jägerin. Den Dämon vom Erdboden zu tilgen, das war mein Ziel. Büßen sollte er für diese ruchlose Tat. Töten wollte ich ihn. Keine Gnade zeigend.

Doch Gaia gebot mir Einhalt. Sie flüsterte in meine zuckenden, fuchsfelligen Ohren, was das Gebot der Stunde sei: Nicht töten, sondern strafen. Sie wisperte auch von vier Erdsängerinnen und dem Adler – diese würden kommen, eines fernen, fernen Tages. Doch einer von ihnen müsse sich opfern, einer müsse den Dämon mit sich nehmen, um die Strafe zu vollenden. Wenn dies geschähe, könnten alle Söhne und Töchter der Insel sich für immer frei machen von Hader und Zwist und ihren finsteren Gefährten – wenn es ihr aufrichtiger Wunsch sei!

 Ich sah dann ein magisches Schwert, kunstvoll geschmiedet aus elbischer Hand. Ein Drache wand sich um das Gehilz. Ich sah Feuer vom Himmel fallen. Doch ich konnte nicht sehen, was dann geschehen würde … der Herr der Zeit verbarg es vor mir.

Meine Jagd begann. Wie lang dauerte sie an? Tag und Nacht, Tag und Nacht, nicht enden wollend …

Hoch im Norden der Insel stellte ich ihn endlich. Doch ich war erschöpft, und so gelang es ihm, mir eine Wunde zuzufügen. Gift sickerte in mich. Mit List und Gewalt zwang ich ihn, sich von seinem Echsenkörper zu trennen. Das Scheusal flüchtete in den schwarzen Bergsee, bar seines dämonischen Geistes, von nun an wird es dort animalisch vegetieren. Sein langer Hals schlägt angstvoll hin und her und zertrümmert Fels und Baum. Das Drachen-Tier schreit ohne Unterlass! Den zitternden, entblößten Geist des Dämons, den bannte ich in Stein, dort soll er machtlos verharren und bis zur völligen Bedeutungslosigkeit schrumpfen. Dann soll er befreit werden und in das Totenreich der Dämonen eingehen.

Müde bin ich nun. Das Gift wirkt immer stärker in mir. Ich gab meine ganze Kraft in die Jagd. Meine letzten Gedanken gelten dem Mann mit zweierlei Blut, den Gaia ausersehen hat, das Buch der Mond-Runen zu finden und zu bewahren, in das ich diese Worte gebe. Mögen seine Schritte gesegnet sein und ihn zum Steinkreis am See führen, wo ich – erschöpft bis ins Mark – niedergesunken bin. Mit letzter Kraft male ich jetzt die Mondlicht-Rune in den Stein, ihm und den kommenden Sängerinnen zum Zeichen.

Ich schwinde … mögen die Götter Albions mir gnädig sein!