Midir, Sohn der Götter Danu und Dagda

1

Ich durchschreite das Weltentor. Blaue Blitze züngeln über meinen Körper, für den Bruchteil eines Momentes. Dieses Mal bin ich nur zu meinem Vergnügen auf der Erde, ohne Auftrag der Muttergöttin Danu. Auch Vater Dagda hat keinen Auftrag für mich. Ich nehme die Gestalt eines kräftigen jungen Mannes an, rothaarig, damit ich wie ein Ire aussehe. Die Bekleidung wähle ich unauffällig, ich will sein wie einer aus dem Volk. Fast wäre ich gegen eine junge Eiche gelaufen. Als ich das letzte Mal dieses Tor benutzte, stand sie noch nicht dort. Und nun ist sie erstarrt, für einen Moment gefangen zwischen den Welten, ich kann es nicht ändern. Blitzschnell werde ich unsichtbar, denn in einiger Entfernung steht eine junge Frau. Ihr Haar ist tiefschwarz, mit einem Schimmer, den ich nur als meeresblau beschreiben kann. Magisch! Sie sieht zu mir herüber, kann mich aber nicht mit den Augen wahrnehmen. Offenbar ist sie sehr sensibel, ich glaube nicht, dass sie zufällig hergesehen hat. Ich trete aus dem Bereich des Zwischenweltlichen heraus, damit das Tor sich schließen kann. Mir wird klar, dass ich leichtsinnig geworden bin. Ich hätte die Umgebung erst prüfen müssen auf größere Veränderungen oder Anwesenheit denkender Wesen. Neugierig nähere ich mich der irischen Schönheit. Ja, anders kann ich sie nicht nennen. Sie weckt sofort mein Interesse, meinen Forscherdrang. Ihre tiefgrünen Augen blitzen, sie hat Kraft und Mut. Ihr Kinn reckt sie kühn der Welt entgegen, ihr Gang ist anmutig und voller Spannkraft.

Als Halbgott stehe ich zwischen der Götterwelt und der Menschheit. Man sollte meinen, dass ich glücklich wäre, doch meine Unsterblichkeit hängt mir zum Halse raus, wie die Menschen so bildhaft sagen. Es ist ein Überdruss, der mich plagt. Ich suche nach Linderung und Ablenkung. Wie können die Menschen nur so fröhlich sein, ausgelassen tanzen und feiern? Ihr Leben ist extrem kurz und die allermeisten erleben vor allem Armut und harte Arbeit, die den Körper schindet. Und dennoch – sie verstehen es, ihr Leben auszukosten, im Guten wie im Schlechten. Warum?

Warum bin ich, dem alle Möglichkeiten offen stehen, der nie Mangel leidet, warum bin ich meiner Existenz überdrüssig?

Ich will das Geheimnis der Menschen ergründen.

Sie zieht jetzt ihr schäbiges Schultertuch enger um ihren schlanken und doch kräftigen Körper. Vielleicht friert sie. Vielleicht ist sie auch müde. Auch etwas, was wir Götterweltler nicht kennen. Wie es wohl wirklich ist, ein Mensch zu sein? Ich prüfe mit einem kritischen Blick meine Erscheinung. Passt dieser Männerkörper zu ihrem Alter, erfüllt er wohl ihre Anforderungen an einen Gefährten? Ich werde es herausfinden.

 

 

 

2

Ich folge der Frau und bleibe unsichtbar. Ihre Schritte beschleunigen sich umso mehr je näher sie der Hütte kommt. Das mag an dem Duft liegen, der auch mir in meine Nase steigt. Es ist sehr merkwürdig mit diesen menschlichen Sinnen. Wenn wir in Magiyamusa etwas riechen, dann hören wir es. Jetzt aber, in diesem Körper, kann ich alles auf Menschenart erleben. Der Duft steigt mir in mein Innerstes, er weckt angenehme Gefühle. Ich verspüre Lust, die Speise zu kosten. In dem Moment als sie die Tür öffnet, bricht die Sonne zwischen den grauen Wolken hervor und taucht alles in ein helles Licht. Ein Strahl fällt durch die Tür, ich sehe wie das Licht eine alte Frau einhüllt. Eine breite Strähne eisgrauen Haares hat sich aus dem nachlässig gebundenen Haarknoten gelöst und hängt über Schulter und Rücken. Dann schließt sich die Tür und ich stehe unschlüssig davor. Durch das offene Fenster kann ich die Frauen sprechen hören.

 „Du kommst spät.“

„Aber rechtzeitig! Die Suppe ist noch heiß.“

Neugierig gehe ich leise um die Ecke und werfe einen Blick hinein. Ich bin zwar unsichtbar, aber nicht unhörbar, darum achte ich darauf, wohin ich meinen Fuß setze.

Die Schwarzhaarige sitzt am Tisch und greift zum Löffel. Bevor sie ihn in ihre Schüssel senken kann, räuspert sich die Alte vorwurfsvoll. Seufzend legt sie den Löffel wieder ab und faltet die Hände. Ich kenne dieses Verhalten aus anderen Gegenden. Sie nennen es „Tischgebet“. Also gehören diese Frauen zu den Christen, der neuen geistlichen Macht auf den Inseln. Zwischen den Rübenscheibchen im Teller schwimmt auch etwas Alge. Die Jüngere mag offensichtlich das dunkelgrüne Zeug nicht und schiebt es auf den Tellerrand, was wiederum eine missbilligende Bewegung der rechten Augenbraue ihrer – so vermute ich – Großmutter zur Folge hat. Und zwar steil nach oben. Plötzlich verspüre ich ein heftiges Hungergefühl und beschließe, mich dazu zu gesellen. Leise verlasse ich meinen Lauschposten, werde sichtbar und klopfe munter an die Tür. Wie erhofft, öffnet mir die junge Frau. Ich nehme wohlerzogen meinen Hut ab und grüße sie.

 „Ich bin ein Wanderer und frage mich, ob ich hier von der herrlichen Suppe kosten darf, die man bis weithin riechen kann? Natürlich bezahle ich dafür.“

„Lass ihn eintreten, Eilidh“, ertönt die raue Stimme der Alten.

Eilidh ist also ihr Name. Er bedeutet in etwa „das helle Licht“. Sie tritt gehorsam beiseite und ich trete über die steinerne Türschwelle. Unter ihr ist ein Amulett vergraben, ich kann seine Schwingungen spüren. Ein Schutzamulett aus alter Zeit. Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass sie mich blitzschnell von oben bis unten betrachtet und sich ein Urteil bildet. Ich nähere mich in ruhiger Art dem Tisch und deute vor der Alten eine kleine Verbeugung an.

 „Wir haben nur zwei Schüsseln und Löffel“, bemerkt Eilidh, die offenbar keine Lust hat, großgewachsene Männer durchzufüttern. „Brot kostet extra.“

„Eilidh!“ Die Alte zischt sie an. „Was habe ich dir erzählt über Gastfreundschaft? Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Also gib ihm meine Schüssel, fülle sie wieder auf.“

Das Mädchen gehorcht. Ich beschließe, sie ein wenig zu reizen.

„Ich hätte gern eine Scheibe Brot zur Suppe oder auch zwei, es sei denn, du müsstest meinetwegen hungrig ins Bett gehen. Aber zuerst will ich mich vorstellen. Mein Name ist … Mago. Ich will weiter nach Cúige Mumhan, wo ich Verwandte habe.“ Ich hoffe, die Frauen haben mein kurzes Zögern nicht bemerkt als ich mir einen Namen ausdachte. Wenigstens habe ich mich nicht mit meinem echten Namen vorgestellt.

„Dann liegt ein weiter Weg vor dir, mein Junge. Ich bin übrigens Edna und das ist meine Enkelin Eilidh.“

 

 

3

Ich nehme mit einem kleinen Lächeln die Suppenschüssel aus Eilidhs Hand, greife zum Löffel und esse, höre nicht auf, bis alles vertilgt ist. Interessiert, nein, geradezu fasziniert spüre ich, wie mein Hunger sich wandelt in satte Zufriedenheit. Ich fühle mich leicht ermüdet – gehört das etwa auch zum satt sein? Mir fällt auf, dass die Augen der Alten trüb sind. Ein grauer Schleier liegt über ihren Augen. Sie dürfte fast blind sein. Ich lege den Löffel auf den Tisch. Mein Blick bleibt unwillkürlich an einem Detail hängen. Ich starre auf die smaragdgrüne Perlmuttintarsie im Löffelstiel. Sie stellt einen Baum dar. Diese Art von Perlmutt gibt es nur … in Magiyamusa! Soll dies der heilige Hagedorn sein? Diese ärmliche Hütte mit ihren Bewohnerinnen ist eine Überraschung für mich. Als ich in die Hosentasche greife, um mit einer Münze zu bezahlen, fällt mir auf, dass ich genau das vergessen habe: Geld. Ich simuliere peinliche Berührtheit. Diese Reaktion in ähnlichen Situationen habe ich schon mehrfach auf meinen Reisen durch die Inselstaaten beobachten können. Ich hoffe, ich spiele es überzeugend. Eilidh schnaubt verächtlich, so als hätte sie es geahnt. Die Alte, Edna, gibt sich gelassener. Sie schlägt vor, dass ich als Gegenleistung Reparaturarbeiten am Haus ausführe. Sie sagt tatsächlich „Haus“ zu der windschiefen Hütte. Ich stimme dem zu und mache mich an die Arbeit. Es macht mir Freude, mit den Händen echte Arbeit zu verrichten. In der Hütte gibt es nur ein Bett, dass die Frauen sich teilen. Daher gebe ich vor, als die Dämmerung einbricht, in die Siedlung hinabzugehen, um dort um ein Nachtlager zu bitten. In Wahrheit verbringe ich die Nacht auf den Klippen sitzend. Ich lausche der Brandung und betrachte das Funkeln der zahllosen Sterne, bis irgendwann Wolken die Welt mit schwarzem Samt bedecken. In Magiyamusa haben wir diesen Tag-Nacht-Wechsel nicht. Wir leben weitgehend in der Idealvorstellung der jeweiligen Hagedornkönigin. Aber in Mag Mor, in meinem eigenen Reich, das neben dem Wald liegt, hinter dem Berg Chrysotann beginnend, dort hat sie keinen nennenswerten Einfluss mehr. Dennoch – meine Macht reicht nicht so weit, dass ich die Erde in aller Echtheit nachbilden könnte. Also genieße ich diese Nacht, wie kein anderer Mensch auf Erden. Sie wissen nicht, welches Glück sie haben!

Doch jede Nacht endet, sei sie noch so schön. Die Dämmerung bringt den Sonnenaufgang näher und näher. Und auch dieses Spektakel genieße ich mit aller Hingabe. Meine Kleidung ist völlig durchnässt von der Brandung, die gegen die Klippen schlägt. Aber auch das genieße ich, obwohl dieser Körper mächtig friert und müde ist. Seine Zähne klappern aufeinander. Am Horizont schiebt sich eine orangerote Scheibe hoch; es sieht aus als würde sie dem tiefblauen Meer entsteigen.

Licht aus Wasser geboren …

Welch Illusion! Doch auch ein Halbgott wie ich muss sich den Gesetzen der Natur beugen. Und so nehme ich wieder meine eigene Gestalt an, weil der menschliche Körper sonst erkranken würde.

 

 

 

 

4

Als ich mich auf den Weg zur Hütte mache – ich hatte versprochen, weitere Arbeiten zu verrichten – sehe ich den Dorfdruiden, wie er mit einiger Mühe den Steilhang erklimmt. Sein Ziel ist unverkennbar die Hütte auf der kleinen Ebene, wo Edna und Eilidh ihr Dasein fristen. Ich beschließe, wieder zu lauschen. Er hat einen überaus grimmigen Ausdruck im Gesicht. Ein magerer, hässlicher, kleiner Druide ist er, mit einer schlierigen, ausgefransten Aura. Ich sehe darin seinen fragwürdigen Charakter, seine Stärken und Schwächen. Er ist schlecht ausgebildet, dominant und seines Amtes unwürdig. Meine Erfahrung sagt mir, dass er und die Frauen spinnefeind sind. Unsichtbar will ich mich unter das Fenster setzen, aber es ist geschlossen, denn der Morgen ist kalt und windig. Kurzentschlossen hefte ich mich an seine Fersen und schlüpfe im letzten Moment unbemerkt in die Hütte hinein, als er sie ungefragt betritt. Sofort entbrennt ein heftiger Streit. Er wirft Edna vor, mit ihrer Gesundbeterei die Götter zu beleidigen und die Dörfler zu verderben. In der Siedlung sei die Maul- und Klauenseuche ausgebrochen. Das wäre die Strafe für ihren Verrat, ihren Glaubenswechsel, verhängt von Dagda höchstpersönlich, der ihm zornig in einer Vision erschienen sei. Fast hätte ich laut gelacht! Mein Vater gibt sich nicht mit solchen Kleinigkeiten ab. Und schon gar nicht erscheint er solch unwürdigem Wicht, auch nicht in einer Vision. Aber das bringt mich auf eine Idee.

Inzwischen geht es hoch her in der Hütte, dass die Wände wackeln. Edna hat eine scharfe Zunge und Eilidh geht jetzt mit einem Hocker auf den Priester los. Na, die traut sich ja was! Der gibt Fersengeld, denn er ist der jungen Frau nicht gewachsen. Ich eile hinterher. Die Tür erwischt mich doch tatsächlich noch im letzten Moment. Eilidh schaut skeptisch drein, weil sie sich nicht auf Anhieb schließen ließ. Ich nutze meine magischen Fähigkeiten und erwarte unten den Druiden, noch vor der Siedlung. Er schnauft und schimpft vor sich hin, stößt unflätige Flüche aus im Namen der Götter. Ich lasse meine Tarnung fallen und erscheine ihm in voller Midir-Montur. Am Wanderstab, dem Schlapphut und meinem fehlenden Auge erkennt er mich sofort. Entsetzt wirft er sich vor mich in den Staub und winselt. Warum eigentlich? Noch habe ich nichts gesagt! Mit Donnerhall unterlegt erhebe ich meine Stimme und rede ihm streng ins Gewissen. Als ich ende, ist er davon überzeugt, dass er seines Amtes nicht würdig ist und seine Ausbildung vertiefen, ja geradezu wiederholen muss. Er macht sich noch am selben Tag auf die Reise zum Obersten Druiden Irlands und schwört mir, nie wieder zu kommen.

Gut gelaunt nehme ich wieder die Gestalt des rothaarigen Iren an und genieße den Aufstieg zur Hütte, im Bewusstsein, den Frauen etwas Gutes getan zu haben. Ich habe Eilidh vor Augen, wie sie wutentbrannt den Hocker erhebt, um die Ehre ihrer Großmutter zu verteidigen. Eine Frau ganz nach meinem Geschmack. Wild, unbeugsam, sprühend vor Energie. Welch ein angenehmer Zufall, dass in der Nähe genau dieses Weltentores, das ich gestern wählte, ein solch prächtiges Exemplar von Menschenfrau lebt. Ja, „gestern“ – da ich nun in der Erdenebene bin, muss ich mich anpassen und in Gestern, Heute, Morgen denken und planen, auch wenn ich selbst aus einer relativ zeitlosen Ebene stamme. Seltsamerweise fühle ich ein Ziehen hinter meiner Stirn, ich bin ein wenig verwirrt deswegen, es irritiert mich. Mein Instinkt sagt mir, dass ich etwas übersehen habe und mein Vater Dagda sich über mich gerade amüsiert. Als ich leicht schnaufend oben angekommen bin, bleibe ich stehen. Der Wind frischt auf und ich höre das Meer rhythmisch an die Klippen schlagen. Es hat etwas Magisches. Hypnotisierend. Das Ziehen in meinen Gedanken ist immer noch da. Ich fühle, dass ich mich irre. Nicht Dagda. Nein, dem sind meine Ausflüge und Eskapaden egal. Es ist etwas Größeres, das auf mich blickt. Erwartungsvoll, ermunternd. Ich erkenne es nicht. Unbehaglich schiebe ich mein Empfinden, meine Vorahnung beiseite und gehe auf die Hütte zu, um zu tun, wozu ich gekommen bin: Ich will Zerstreuung, Abwechslung. Ein kleines Liebesgeplänkel.

 

 

5

Doch als ich die Hütte betrete, ist Eilidh nicht mehr da. Dabei ist sie mir gar nicht entgegengekommen. Es mag einen weiteren Weg geben, den ich nicht kenne. Ich erfahre von ihrer Großmutter, dass sie in den Klippen nach Nestern mit Vogeleiern sucht. Edna freut sich sichtlich über mein Auftauchen und bittet mich, Feuerholz zu schlagen. Zuvor aber lädt sie mich zu einem Frühstück ein. Dem Haferbrei mangele es an Süße, beklagt sie. Früher hätte ihre Mutter nicht nur zu besonderen Gelegenheiten Honig unter den Brei gemischt, sondern jeden Morgen. Sie fällt ins ausschweifende Erzählen, wie man es bei alten Leuten oft antrifft, schwelgt in einer Vergangenheit, die vermutlich nicht so rosig war, wie sie glaubt. Mein Blick fällt erneut auf die Perlmutt-Intarsie ihres Löffels und spreche sie darauf an. Ein Erbstück ihrer Urgroßmutter … viel mehr weiß sie nicht darüber zu sagen. Als wir das Mahl beendet haben, ist sie in Tränen aufgelöst und ich bin hilflos. Was macht man mit weinenden, alten Frauen? Ich öffne mich ihr und nehme über unsere Auren Kontakt auf, fühle für einen Moment, was sie fühlt … es ist für mich, der ich gewöhnlich nicht von Emotionen geplagt und geschüttelt werde als Gott der Anderwelt, der ich bin und war und sein werde, erschütternd, aufwühlend, heftig. Mein Körper hat eine Gänsehaut. Ich muss zugeben, es verstört mich, einen Seelenschmerz zu fühlen. Sie hat Heimweh. Edna stammt aus Schottland, ist gar keine Irin und Eilidh auch nicht. Ihr sehnlichster Wunsch sei es, die alte Heimat noch ein einziges Mal zu sehen, vertraut sie mir an. Aber die Reise sei zu beschwerlich, sie hätten auch kein Geld für die Überfahrt. Edna spürt ihren Tod nahen, sie ist weise und wehrt sich nicht gegen den Lauf der Zeit, gegen das Gesetz vom Werden und Vergehen. Ich beschließe, ihr eine Freude zu machen, lasse mir die Gegend genau beschreiben, wo sie ihre Jugend verbrachte. „Komm mit“, sage ich zu ihr und führe sie vor die Hütte. „Ich mache dir ein Geschenk.“

Ich wechsle über in meine eigene Gestalt und webe mit meinen Händen einen Zauber, öffne ein Erd-zu-Erd-Tor. Zu Ednas Glück kenne ich den Ort in den Highlands, wo sie geboren wurde. Mit einem Zischen und Funkeln öffnet sich der Durchgang vor unseren Füßen. Ich lege meinen Arm um ihre zarten Schultern und ziehe die Ahnungslose mit mir, einen Moment später stehen wir auf schottischem Boden. Edna ist verwirrt. Sie spürt die Veränderung, weiß aber nicht, was mit ihr geschah. Ich beobachte ihre Reaktion: wie sie schnuppert, ihren Kopf hin und her wendet, lauscht, tastet. Wir stehen mitten in einem Haferfeld. Das alte Dorf existiert nach wie vor, vielleicht sogar noch ihr Elternhaus. Ihre bleichen Wangen färben sich in ein leichtes Rosa, sie ist aufgeregt. „Was ist passiert?“, fragt sie. „Wo sind wir?“ Ihre Augen weiten sich, klären sich. Damit habe ich nicht gerechnet, aber es freut mich für Edna. Der Durchgang durch das Tor hat ihr den Grauschleier von den Augen genommen. Manchmal haben Tore diese Wirkung. Sie lösen den Körper auf beim ersten Schritt in die Zwischenwelt und setzen ihn neu zusammen, wenn der Reisende aus dem Tor hinaustritt. Das geht so rasend schnell, dass ein Lebewesen es gar nicht bemerkt. Ich deute einladend mit der Hand Richtung Dorf, will mit ihr das Feld verlassen. Doch ich hatte nicht bedacht, dass sie mich ja nun in meiner wahren Gestalt sieht. Mit weit aufgerissenen Augen starrt sie mich an. Ich sehe, wie ihre Halsschlagader pocht. Eine Mischung aus Angst und Freude sehe ich in ihrem Gesicht, das so faltig wie ein geschrumpelter Herbstapfel ist. Ihre Beine zittern. Kurzentschlossen packe ich sie, trage sie aus dem Feld hinaus zum Weg, der zum Dorf führt. Sie fragt mich immer wieder, ob dies real sei oder ob es im Himmel so aussähe wie in Schottland. Fügt mit einem Zittern in der Stimme an, dass sie gar nicht gemerkt hätte, wie sie gestorben sei. Dann meint sie, ich wäre wohl der Engel des Todes, der rücksichtsvoll die vertraute Gestalt Midirs angenommen habe und sie auf seinen Armen hinein in die himmlischen Gefilde trage. Dann jubelt sie, überschäumend vor Glück, dass sie Recht gehabt hätte, dass der Christengott eben doch gut sei und die neue Macht auf Erden ist. Sie schimpft heftig auf den Dorfdruiden, der ihre Gebete für die Kranken verachtet hat. „Ist das mein Lohn für meinen Glauben und mein gutes Werk?“, fragt sie mich immer wieder. Was soll ich nur antworten? Sie lebt doch! Ich sehe ein, dass meine gut gemeinte Überraschung doch keine so gute Idee war. Hat Mutter Danu nicht immer zu mir gesagt, Sohn, greife niemals ohne triftigen Grund in eines Menschen Leben ein? Aber da wir nun mal hier sind, soll Edna das alles auch genießen. Wir gehen langsam auf das Dorf zu, ihre Beine zittern immer noch. Sie beginnt wieder zu erzählen. „Der Löffel“, sagt sie immer wieder. „Der Löffel! Es gibt eine Geschichte dazu.“ Die Urgroßmutter galt in der Familie als Lügnerin, denn sie bestand hartnäckig darauf, dass ein Elbenmann höchstpersönlich ihr diesen wunderschönen Löffel geschenkt habe, als Wiedergutmachung dafür, dass sie, als sie ein junges Mädchen war, unter eigener Gefahr sein Leben gerettet habe, indem sie ihn vor der Wilden Jagd versteckt hätte. Er sei ihr erster und einziger Liebhaber gewesen. Edna ruft immer wieder „Jetzt fällt mir alles wieder ein!“ Die Familie hätte sie deswegen oft ausgelacht. Doch sei an ihrer Tochter, also an ihrer Großmutter, durchaus etwas Seltsames gewesen. Manch einer hatte sogar behauptet, sie wäre ein Wechselbalg – andere wieder waren der Meinung, sie sei das uneheliche Kind des Laird.

Edna wird kurzatmig. Sie legt ihre knochige Hand auf die Brust. Plötzlich wird sie bleich, ihr Atem setzt aus und sie ringt nach Luft. Ihre andere Hand krallt sich um meinen Wanderstab. „Versprich mir, dass du dich um Eilidh kümmerst“, verlangt sie. „Schwöre!“ Und bevor ich schwören kann, liegt sie still zu meinen Füßen. Ihre Aura zieht sich zusammen, wird blasser. Aber sie lebt. So hatte ich mir unseren Ausflug nicht vorgestellt. Was tun? Kurzerhand nehme ich die leichte Alte wieder auf meine Arme, wäge ab, ob ich weiter zum Heimatdorf gehen soll – oder zurück? Ich entscheide mich für den kürzeren Weg, durch das Tor zurück nach Irland. Eilidh wird bei ihrer Großmutter sein wollen, wenn es ihr schlecht geht. Wenig später greife ich zu einer Lüge, die doch die Wahrheit sagt, als Eilidh und ich kurz vor der Hütte von zwei Seiten kommend aufeinandertreffen: „Ich fand sie draußen liegen.“

Eilidhs Gesicht verliert für einen Moment jeden Ausdruck. Und mir wird etwas klar. Die Erforschung der menschlichen Emotionen in solch einer Situation könnte wesentlich interessanter sein als ein weiteres amouröses Abenteuer. Ja, ich werde meine Kenntnisse in diese Richtung erweitern und nicht beim Gewohnten, bereits Bekanntem bleiben. Dann habe ich neuen Gesprächsstoff für Endurions Besuche. Der Meisterlehrer der Elbenkinder wird nicht länger der einzige Fachmann für Menschenkunde sein. Ja, der Gedanke gefällt mir!

Ich verweile in der Hütte bei den Frauen. Mache mich nützlich, wo ich kann. Am späten Abend, kurz vor Mitternacht, verlässt Edna diese Welt. Ich kann ihre Seele sehen, wie sie sich entspannt vom Körper löst. Ein hellgrauer Schleier, der zunehmend lichter und strahlender wird. Sie legt ihre Geisterhände auf die Schultern der Enkelin, die im Gesicht ganz grau ist und kein Wort spricht. Sie ist regelrecht erstarrt. Edna küsst sie auf die Stirn und ihre Liebe zu ihr hüllt die junge Frau in ein goldenes Licht. Es ist wunderschön, die beiden zu betrachten. Dann wendet Edna sich ab, schaut mir für einen kurzen Moment prüfend in meine Augen. Sie kann jetzt natürlich sehen, dass ich nicht von dieser Welt bin. Ein Schrecken huscht über ihr Antlitz, das aus funkelnden Lichtpunkten besteht. Dann sendet sie mir ein Bild, ein altes Haus unter Erlen stehend, ein Brunnen steht davor … ich verstehe, sie zeigt mir ihr Elternhaus in Schottland. Dann ist sie von einem Moment zum anderen nicht mehr da, verschwindet in einer hitzelosen Explosion aus Licht und ich bleibe fasziniert zurück.

In den kommenden Wochen wendet sich Eilidh mir immer mehr zu. Sie vertraut mir und weint sich an meiner Schulter aus. Ohne Edna, ohne jegliche Familie sei sie verloren, wispert sie. Ich nehme sie in meine starken Arme und wiege sie hin und her. Lass mich deine Familie sein … flüstere ich zärtlich in ihr Ohr. Wir teilen den Tag und seine Erfordernisse. Die Nächte verbringen wir in Leidenschaft und gegenseitiger Hingabe. Ich verstehe nun, was Menschen zusammenhält.

Sie hat mich irgendwann gebeten zu bleiben und wir leben zusammen wie ein Paar. Der Alltag der Menschen ist gleichförmig. Es geht immer um Nahrung, Vermeiden von Schmerz, Schutz vor Kälte und auch darum, ob man zur Gemeinschaft gehört oder nicht. Leider wird Eilidh immer noch ausgegrenzt, obwohl der Druide fort ist und keinen Einfluss nimmt. Sie geben ihr die Schuld daran, dass sie nun ohne Oberhaupt sind und dazu noch in innerdörfliche Machtkämpfe verstrickt. Menschen sind absurd! Und auf die Dauer doch langweilig. Ihre Gedanken, ihre Auffassungsgabe, ihre Vorstellungskraft – alles ist so beschränkt und einfältig. Nichts Neues will so recht in ihre Köpfe. Alles soll so sein, wie es immer war. Ich werde allem überdrüssig und verschwinde eines Nachts einfach ohne ein Wort des Abschieds, bevor die Sonne über Irland wieder aufgeht.

 

 

6

Damit habe ich nicht gerechnet! Kaum habe ich das Tor durchschritten, finde ich mich nicht in Mag Mor wieder, nicht mal in Magiyamusa – sondern direkt vor Danus Thron. Ihre Augen sind hart, sie ist wütend. Ich beuge vor ihr das Knie und nehme meinen Hut ab. Meinen Wanderstab, Zeichen meiner Würde, lege ich vor ihre Füße und wage nicht zu sprechen. Was habe ich nur verbrochen?

Du willst die Menschen erkunden, dich mit ihnen gemein machen? Dann lerne zu fühlen wie sie!

Kaum hat sie diesen Satz gesagt, werde ich von einem Strudel der Emotionen erfasst. Ich bin gelähmt, kann nicht ausweichen, kann mich nicht wehren – im Wechsel fühle ich Unglaubliches! Es zerreißt mich fast, es schwächt mich und stärkt mich, es beutelt mich … all diese Gefühle! Und so stark! So süß, so bitter … ich kann es nicht fassen. Wie halten Menschen das aus? Danu sendet mir jetzt Bilder in meinen Geist. Zeigt mir Trauernde, deren Herz schwarze Tränen weint. Sie lässt brüllende Krieger auf mich einstürmen, einschlagen, ja! Ich fühle sogar körperlichen Schmerz. Oh, Dagda, mein Vater, so hilf mir doch! Dann bin ich emotional ein Kind, ich freue mich über jede Kleinigkeit. Ich fürchte mich vor jeder Kleinigkeit. Ich bin müde und hungrig und durstig. Sehne mich nach der Mutterbrust. Sehne mich nach dem Schutz eines Vaters, weil bösartige Jungen mich mit Steinen bewerfen. Angst! Todesangst! Ekel und Abscheu! Dann bin ich wütend. Bin selber ein Berserker und morde und brenne und genieße es. Es ist ein extremes Wechselbad, dem Danu mich aussetzt. Jetzt bin ich ein altes Weib und meine Freude ist es, mich um meine Hühner zu kümmern. Ich liebe meine Tiere zärtlich. Dann teile ich noch Mutterliebe und Vaterliebe und erfahre, wie es sich wirklich anfühlt, wenn Mann und Frau in echter Liebe verbunden sind und gemeinsam alt werden. So geht es noch eine ganze Weile weiter und ich werde über den Rand der Erschöpfung getrieben.

Weißt du jetzt genug über die Menschen?, schreit sie mich an. Hast du jetzt eine leise Ahnung, was du Eilidh angetan hast? Erstaunt fühle ich, dass Danu, die Hohe Herrin und Mutter, auf mich sehr, sehr wütend ist. Sie hat Mitgefühl mit Eilidh! Nicht mit mir! Das habe ich nicht erwartet. Ich bin ehrlich erschüttert und begreife, sie ist nicht nur die kühle, brillante, weise Göttin der Anderwelt. Mit ihrem Fuß stößt sie meinen Wanderstab zu mir zurück und entlässt mich aus ihrer geistigen Macht. Leise stöhnend richte ich mich auf und neige mein Haupt vor ihr, danke erschöpft und gedemütigt für ihre Unterweisung. Ich wage es, meinen Kopf wieder anzuheben und Augenkontakt zu suchen, zu dem Wesen, das gleichermaßen meine Herrin und Mutter ist. Die Härte ist gewichen. Ich finde tiefen Ernst in ihrem Blick. Und auch … ich wage es kaum anzunehmen … ein Hauch Mitleid mit mir und Vergebung.

Einen Moment später befinde ich mich wieder in Irland.

Es ist hier viel Zeit vergangen, es müssen Monate sein, vielleicht sogar mehr als ein Jahr.

Eilidh!

Sie schreit und weint zum Steinerweichen. Die Hütte steht in Flammen! Zwei Kerle halten sie fest, denn sie versucht immer wieder, ins Feuer zu laufen. Was will sie nur aus dem kümmerlichen Holzhaufen retten? Die Intarsie des Löffels ihrer Ahnin ist das einzige von Wert. Dafür würde sie ihr Leben riskieren? Dann dringt ein Name an mein Ohr. Ferry, mein lieber Ferry … Hat sie so schnell schon einen neuen Gefährten gewonnen? Egal – ich renne wutentbrannt (Ja! Tatsächlich, ich fühle Wut!) zu ihr hinüber und schlage mit meinem Wanderstab auf die Kerle ein, die sie so grob anfassen. Ich genieße das Brennen meiner Wut, das Feuer in meinen Adern – es macht mich lebendiger als je zuvor. Wie köstlich! Sie lassen sie los und nehmen Reißaus. Ein Dritter steht in der Nähe der Hütte und wirft eine brennbare Flüssigkeit in die Feuerruine. Eine Stichflamme schießt gen Himmel und erhellt die Nacht. Er lacht und gebärdet sich wild. Endlich begreife ich, dass Eilidh Gewalt angetan wurde, sie haben mit voller Absicht ihr Heim zerstört. Ich verwandle mich vor seinen Augen in den jungen, rothaarigen Iren, kräftig und gesund, gefährlich wie ein tollwütiger Wikinger. Meine Hände schließen sich wie von allein um seinen feisten Hals und drücken zu, bis seine Augen hervorquellen und seine Zunge schlaff aus dem Mund hängt. Sollte er sterben, so wäre es mir recht. Doch Eilidh hängt auf einmal schluchzend an meinem Arm. Ferry ist noch drin! Hilf ihm doch, vielleicht hat er sich im Lehmkeller verstecken können. Ich lasse den Brandschatzer los, er sinkt halbtot zu Boden. Jetzt muss ich abwägen. Ich kann nur in meiner göttlichen Gestalt in die Flammen laufen. Doch, ist es nicht eh an der Zeit, Eilidh die Wahrheit über mich zu sagen? Mir liegt sie am Herzen, auch wenn sie jetzt einen anderen Gefährten hat.

Nun denn. Es sei. Ich wandle mich vor ihren Augen und vollführe mit meinem Wanderstab eine halbkreisförmige Bewegung und spreche ein Wort der Macht. Die Flammen gehorchen und fallen in sich zusammen. Die Energie, die dabei frei wird, sammelt mein Stab ein und sammelt sie zur späteren Verwendung. Ich renne zur Hütte, die dabei ist, restlos in sich zusammenzufallen. Die verbliebenen, nur kniehoch lodernden Flammen ignorierend, betrete ich das Areal und schau mich suchend um, aber ich sehe keinen Mann. Der Zugang zum Kellerraum unter dem Haus ist Schutt und Asche. Auch hier keine Spur. Wo ist der Gefährte von Eilidh? Ich hebe mit dem Stab glimmende Balken hoch, lasse sie schweben und suche. Auf einmal huscht ein kleines rotes Etwas hervor, es läuft geradewegs zu Eilidh, die einen spitzen Schrei ausstößt. Der kleine – ich trau meinen Augen nicht! – Drache bleibt abrupt stehen, kommt ins Kullern, ist offensichtlich erschrocken und verwirrt. Er winselt, kleine Flämmchen züngeln aus seinem zahnlosen Maul. Die goldenen Krällchen graben sich tief in den Erdboden. Das Schwänzchen schlägt etwas ratlos hin und her.

Eilidh sinkt auf die Knie. Ich bin mir nicht sicher, aber ich habe den Eindruck, sie verliert gleich den Verstand. Oder das Bewusstsein. Oder beides. Und ich, ich begreife, dass Eilidh keinen Gefährten hat, sondern ein Baby. Mein Baby! Ich gehe zu ihr und nehme sie fest in meine Arme, locke den Drachen zu uns. Er krabbelt auf Eilidhs Schoß, die sich unwillkürlich versteift. Ich streichele sein Köpfchen und suche Augenkontakt zu ihm. Als er sich entspannt, wandelt er sich zurück in das Kindchen, das er eigentlich ist. Sein sollte! Er liegt nackt und bloß, denn seine Kleidung ist verbrannt. Mit leiser Stimme erkläre ich Eilidh, dass jetzt alles wieder gut wird, denn ich bin da – ich, der Halbgott Midir aus der Anderwelt. Ich sage ihr, wie unendlich leid es mir tut, dass ich sie alleingelassen habe. Ich wusste ja nicht, dass sie schwanger war.

Eigentlich passiert das auch nicht, wenn ich mich mit einer Menschenfrau einlasse. Aber sie hat ein wenig elbisches Blut in ihren Adern. Und so geschah das Unwahrscheinliche, sie hat ein Anderweltkind ausgetragen. Ich erkläre ihr, dass die roten Schuppen, die sich wie feurigrote Perlen an seiner Wirbelsäule entlang aufreihen, keine Hautkrankheit sind, sondern das Zeichen für ein Mischwesen. Ein ganz besonderes Wesen. Dieser Knabe trägt in sich das Erbgut der Drachenväter der Vorzeit. Ich rufe ihn zärtlich bei seinem Namen: Ferry. Er strampelt und verzieht weinerlich sein Gesichtchen. Eilidh ist aus ihrer Erstarrung erwacht. Sie wispert Worte der Liebe und herzt ihr Kind, legt es an die Brust. Immer wieder schaut sie mich skeptisch von der Seite an und schaut schnell wieder weg. Zu mir sagt sie kein Wort. Murmelt nur: … ist alles ein Traum, alles nur ein böser Traum!

Es ist dunkel. Lange sitzen wir schweigend beieinander. Die Sterne werfen ihr mattes Licht auf die schwelenden Ruinen, die sich zu Asche wandeln. Ich kann mir vorstellen, weshalb Eilidh und das Kind angegriffen worden sind. Die Dörfler müssen seine Andersartigkeit entdeckt haben. Und natürlich haben sie Angst bekommen. Seine Öhrchen sind spitz. Seine Haut ist auch an den Fersen schuppig und tiefrot. Sein Haar hat einen kräftigen blauen Schimmer. Ich merke erst spät, dass die Feuerteufel sich davongeschlichen haben müssen, alle drei. Sie sind zurück und haben Verstärkung mitgebracht. Hier können wir nicht bleiben. Rasch öffne ich ein Tor nach Mag Mor, nehme Eilidh und Ferry mit in meine Welt, ehe sie dagegen protestieren kann.

 

 

 

7

Ich hätte es besser wissen müssen. Die Lebensbedingungen in Magiyamusa unterscheiden sich zu sehr von denen der Erde. Es ist schwierig. Um meine Gefährtin aufzuheitern, habe ich mit den Ohren geschlackert und somit den Fliegenden Teppich gerufen. Ferry hat glucksend gelacht, als er den surrenden Ton hörte. Er kann jetzt schon sicher auf dem Arm sitzen, der kleine Racker. Der Teppich ist ein Geschenk eines arabischen Dschinns. Leider hat er einen kleinen Webfehler, wenn ich so sagen darf. Er fliegt nur flach über dem Boden, denn er hat Höhenangst. Ferry und Eilidh hatten ihren Spaß daran.

Aber Eilidh ist krank. Ihr fehlt die Sonne, ihr fehlt das echte Meer und die menschliche Nahrung. Mag Mor ist weitgehend trocken und steinig. Sie aber ist das frische Grün Irlands gewohnt. Und hier gibt es weder Tag noch Nacht. Sie welkt dahin wie eine Blume ohne Wasser. Ich kann sie nicht im magiyamusanischen Wald wohnen lassen, denn die Hagedornkönigin verachtet alles Menschliche. Ja, ich hätte es besser wissen müssen. Ich fühle aufrichtige Reue. Sie brennt in mir und zerrt an meiner Seele. Die Reue macht mich schwach. Ich liebe Eilidh aufrichtig und auch unser Kind – Fearghas, Ferry. Meine Gefährtin besteht auf diesem Namen, den einst ihr geliebter Großvater trug. Unser Sohn entwickelt sich prächtig. Hier ist seine Heimat nur hier hat er permanent seine kindliche, elbische Gestalt. Auch die roten Schuppen sind deutlich blasser. Ich weiß, wenn er eines fernen Tages jemals wieder durch ein Tor auf die Erde gelangen wird, nähme er erneut Drachengestalt an. Es ist sein Erbe! So ist das Gesetz. Alle Anderweltler haben eine zweite Gestalt in sich, die sich erst offenbart, wenn man ein Tor zur Erde passiert. Nur wir Göttlichen können unsere Gestalt frei wählen.

Was habe ich nur getan? Ferry kann nicht mit seiner Mutter zurück nach Irland, auch nicht in ein anderes Land der Erde. Sie würden ihn zu Recht Wechselbalg rufen und töten wollen. Zumal er es dort nicht unter Kontrolle hat, ein Drache zu sein oder ein Zweibeiner. Eilidh kann unmöglich auf Dauer hierbleiben, es würde sie zerstören. Und so treffe ich eine Entscheidung. Ich bin der Verantwortliche für diese Lage. Und so mache ich mich auf, das ehrwürdige Silberhaar-Wulliwusch aufzusuchen. Vorher werfe ich einen Schlafzauber über Mutter und Kind, die beide herzzerreißend schön sind im Schlaf. Wie werde ich sie vermissen! Wie sehr ich sie doch liebe. Ja, meine Gefühle sind mir geblieben. Schwermütig passiere ich die Allee der Baumtänzerbäume und betrete das Tal, wo das Wulliwusch lebt. Es ist der Wächter der Zeit, das mächtigste Wesen in der Anderwelt, denn es kann Geschehenes ungeschehen machen. Obwohl ich auf meinen Status als Sohn des Dagda und der Danu poche und meine ganze Überzeugungskraft in meine Worte lege, verweigert es mir den Dienst. Nein, es wird Eilidh nicht in die Vergangenheit schicken und somit die Geburt des Drachenjungen verhindern. Ich falle vor ihm auf die Knie, demütige mich, aber es bleibt hart. Es legt seinen weichen Rüssel auf meine Stirn, sendet mir ein Bild eines prächtigen jungen Elben in rotgoldener Uniform. Ich habe die Ehre, in die Zukunft schauen zu dürfen. In Ferrys Zukunft! Er wird der Soldat der Hagedornkönigin sein. Das Wulliwusch zeigt mir leider nur dieses eine Bild.

Er ist zu wichtig, er muss leben! So spricht es ernst und leise zu mir.

Und so muss ich nach einem anderen Weg suchen. Ich nehme das schlafende Kind und übergebe es den Waldelben Andariella und Gandarel zur Pflege. Die beiden schulden mir noch was. Auf ihre Verschwiegenheit, was seine menschlichen Anteile angeht, kann ich mich verlassen. Für Eilidh – meine wunderschöne Gefährtin, wie sehr ich sie liebe! – für Eilidh webe ich einen Zauber, der sie vergessen lässt, wer sie ist. Ich trage die Schlafende auf meinen Armen, bringe sie zu den keltischen Priesterinnen, die das Tor zu Avalon in Glastonbury bewachen. Sie nehmen sie bei sich auf und versprechen mir, dass es ihr an nichts fehlen wird. Als ich den Heiligen Hain verlasse, zerbirst mein Herz in unzählige Scherben. Ich liebe! Es tut unendlich weh, zu lieben. Doch ist dies das Einzige, was ich tun kann, um meine Schuld zu sühnen.

Ich bin Midir. Ich habe menschliche Gefühle, aber ich bin kein guter Mensch, vielleicht nicht einmal ein guter Sohn der Götter.

 

Ich bin Midir, Herrscher von Mag Mor und Vater des Fearghas.

Möge mir verziehen werden, was ich tat und vielleicht alles noch tun werde!

Ende