Einblick in die Lektoratsarbeit („Nebelring“)

Nebelring und ich – wir sind langsam zueinandergekommen. Band 1 habe ich gelesen und rezensiert. Ich fand (und finde), dass er kleine, schriftstellerische Schwächen hat, aber, dass in der Autorin echtes Potenzial liegt, war mir damals schon klar. Und ich habe mich nicht getäuscht. Ab Band 3 bin ich die offizielle Lektorin für den Nebelring und sehr glücklich damit.

Es ist eine echte Freude, eine gute Geschichte zu lesen, in sie einzutauchen, temporärer Teil von ihr zu sein und sie noch schöner machen zu dürfen, noch einen Hauch spannender, und der Sprache einen letzten Schliff zu geben – und zwar so, dass die Persönlichkeit des Autors, die ja in jedem Satz steckt, unangetastet bleibt. Das ist mir sehr wichtig bei meiner Arbeit. Bei I. Reen Bow fällt mir das sehr leicht, zumal ich ja auch ihre Phönix-Akademie begleiten darf und sie inzwischen in ihren Stärken und kleinen Schwächen sehr gut kenne.

Nebelring ist eine komplexe Geschichte geworden mit vielen originellen Charakteren, die alle ihre kleinen oder größeren Geheimnisse haben und für Überraschungen sorgen. Die Geschehnisse entwickelt sich rasant und oftmals fliege ich förmlich durch die Story, gebannt und hochkonzentriert. Nur mit echter preußischer Disziplin schaffe ich es, zeitgleich Fehler und Holprigkeiten zu entfernen. Ich habe die ganze Zeit dabei deutliche Bilder im Kopf und bin nicht nur Lektorin, sondern Leserin und kann nicht anders.

Breitwandkino in HD-Qualität. Das schafft nicht jedes Buch, dies in mir auszulösen.

Und nun zeige ich eine kleine Auswahl an Begebenheiten aus dem Rohmanuskript, die mich besonders bewegt oder erheitert haben und meine Kommentare dazu, zusätzlich eine kleine Erläuterung, in Klammern gesetzt.

Ich hoffe, der kleine Einblick in meine Arbeit macht Spaß. Die Autorin jedenfalls bekommt immer kleine Lachanfälle, wenn sie meine Anmerkungen lies. Sagt sie. Und ich glaube ihr das.

 

(A = Autorin, bzw. „das Buch“ und L = Lektorin)

 

A* Junge Lady, da müssen Sie aber mehr Spinat essen, mit Ihren dünnen Ärmchen würden Sie niemals eines der Wesen zu fassen bekommen.

L* „lach“ Das ist wohl in jeder Welt gleich!

(Wer muss jetzt an Popeye denken?)

 

 

A* Nun denn, Memorian. Darf ich Ihnen Isabell vorstellen? Sie sollten diese reizende Lady schleunigst auf einen leckeren Tee einladen. Ich würde ja gern, aber ich habe schon die tollste Freundin der Welt. Einen kleinen Applaus bitte für das Mädchen mit den Sommersprossen!«

L* Awww, mir wird ganz anders! Jetzt habe ich Bess lieb! Guter Junge ….

(Diese Szene ist so anrührend, weil die sommersprossige Zoe sich in ihrer Haut nicht wohl fühlt und Minderwertigkeitskomplexe hat. Bess hat das bemerkt und nutzt den Auftritt, Zoe ein gutes Gefühl zukommen zu lassen. Ist er nicht lieb?)

 

 

A* Nach der Pause kehrt sie zurück zur Fahrerkabine und zündet den Motor an, der das fahrende Haus erneut zum Leben erweckt.

L* Ich fahre kein Auto, aber ein Motor wird doch nicht „angezündet“??? Obwohl er Zündkerzen hat …

(Also, ich habe ja keinen Führerschein und verstehe auch nichts von Autos, aber das ist mir dann doch aufgefallen. „Anzünden“ könnte echt problematisch werden.)

 

A* Lange Zeit habe ich geglaubt, zu keiner richtigen Familie zuzugehören, und jetzt wurde ich ins kalte Wasser gestoßen und habe meinen Bruder kennengelernt. Was fühle ich?

Einsamkeit.

L* Däumchen hoch! Ganz viele Däumchen hoch … für den Kontrast Familie/Einsamkeit

 

 

A* Ich nehme an, du hast noch nie zuvor eine Katze gesehen, sonst würdest du wissen, dass sie die tollsten Tiere auf der ganzen Welt sind!«

L* Ich bin geneigt zu widersprechen! Schließlich sind das bekanntermaßen die HUNDE. Abgesehen von Pferden, Delfinen und Einhörnern und Eichhörnchen und Schmetterlingen …

Okay, schweigend zurück zum ernsten Lektoren-Dasein!

 

A* Viele der Treppen, und weiter oben die Leiter, sind vereist und es gibt kein Geländer, an dem wir uns festhalten können.

L* Kein Geländer? Was haben sich die Studenten dabei gedacht!? Ich hätte die durch die Prüfung rasseln lassen.

(Na, das hat die allzeit vorsichtige Lektorin mit ihrem ausgeprägtem Vorstellungsvermögen ganz schön in Schrecken versetzt. Kein Geländer!)

 

A* Ich mache eine ungläubige Fratze.

L* „Fratze“ ist so negativ besetzt. Zoe macht sicherlich ein ungläubiges Gesicht.

(Ich vermute, niemand kann sich Zoe mit einer ungläubigen FRATZE vorstellen!? Unmöglich, so hübsch wie sie ist …)

 

A* Wir laufen die Treppen hinunter und ich gleite mit meiner Hand über die Gitter des Geländers, wobei meine Finger bei jedem einzelnen Stab ein dumpfes Geräusch machen. Meine Hand ist ganz kribbelig dadurch.

L* Genau so was Beiläufiges, Alltägliches (Hand/Gitter) – die Schilderung dessen – macht dein Buch zu etwas Besonderem. Lass dir niemals-nimmer-nicht von irgendeinem „Profi“ ausreden, sowas einzubauen.
In Ratgebern heißt es ja immer, man soll alles weglassen, was „die Geschichte nicht voranbringt“ – aber das ist gleichzeitig manchmal auch ein schlechter Rat.
Was du hier machst, verleiht Atmosphäre und Authentizität.

 

A* Mit einem leisen Hauchen, das mehrstimmig nachhallt, gleitet weißer Rauch aus der Flaschenöffnung und lässt den Tisch erzittern, als würde jemand in einer schnellen Geschwindigkeit daran rütteln.

L* Ist das nicht ein herrliches gefühliges Bild, dass da erzeugt wird mit wenigen Worten? Das ist so schön „understatement-gruselig“ … mehrstimmiges Nachhallen …   Ich guck ja nie Horrorfilme, darum gruselt mich schon so eine Kleinigkeit.

 

A* Sie ist nicht mehr als ein Gedanke, ein Hauch der Vergangenheit, bedeckt vom Malwee.«

L* Taik, der Poet! (Weitere Erklärungen unnötig, für die, die schon Band 1 und 2 kennen!)

 

A* In dieser Stadt halten sich selbst die Parasiten für was Besseres.

L* Das ist so herrlich lapidar und witzig – trockener Humor, wie ich ihn liebe! Mein Lieblingsatz aus diesem Buch!

 

L* Ohne Textzitat, aus Gründen. Wann und warum sagt eine Lektorin wohl: „Oha. Das ist wirklich beängstigend. Arme Zoe.“ Das überlasse ich jetzt jedermanns Fantasie.

 

A* Als jemand an der Tür klopft und ein Visier öffnet,

L* Lektoren müssen auch mal den Besserwisser geben: 

Der Ausdruck Visier (v. lat.: videre sehen) bezeichnet einen dem Schutz des Gesichts dienenden, beweglichen Teil eines Helms, siehe Visier (Helm) „Guckfenster“ wäre passender, klingt aber uncool. Wie wäre es mit „Luke“?

 

A* »Wir ziehen es vor, Alnyr bald den Rücken zu kehren, und in die Stadt zurückzugehen, die zwar gefährlich ist, aber nicht verängstigt vor Problemen wegrennt.“

L* Einspruch, Euer Ehren! Städte rennen nicht weg. Städte ignorieren Probleme.

 

A* Ohne weitere Vorwarnung.

L* ÄH! Mist. So viel zur Kontrolle, die Zoe eben noch glaubte zu haben. Armes Mädchen. Was für ein Stress immer …

(Tja, was mag Zoe da wohl gerade passiert sein? So ohne weitere Vorwarnung, das ist schon gemein, findet ihr nicht auch?)

 

A* Ich muss grinsen, weil das Gehüpfe albern aussieht.

L* Ich muss jetzt an bayrische Schuhplattler denken! Allein schon wegen der Blasmusik, die da gerade spielt.

 

A* Ich ziehe meine Knie an die Brust und befühle die Hose, die mir jemand angezogen hat.

L* Aha. Jetzt ist die Kleiderfrage geklärt. Ich hoffe, sie hat auch einen Pulli, Strümpfe und Schuhe bekommen, sonst friert sie bald. (Lektoren können auch fürsorglich sein! Und nicht nur pingelig …)

 

AUSBLICK:

Den nächsten Einblick in die Lektoratsarbeit wird es mit den Büchern von Anja Berger geben: Catron, bzw. Quo