Aus der Kristallseelenwelt – Alrun, die Heilerin, schildert Amareile ihre Kindheit

 

(Zusatzgeschichte – keine Leseprobe!)

(Szene: Auf der Schwarzburg, im hölzernen Anbau der Heilerin Alrun, vorm Kamin. Sie hat ihre Lieblingskatze auf dem Schoß und krault das schnurrende Mäusefängervieh. Die junge Amareile sitzt auf einem Hocker ihr zu Füßen und lauscht ihren Worten. Es ist spät am Abend. Die Hütte ist warm und wird nur vom Schein des Feuers erhellt.)

 

 

 

„Ich weiß alles über Ratten, Mäuse und anderes Geziefer. Du wirst es vielleicht nicht glauben, Amareile, aber das ist ein nützliches Wissen, welches man zu Geld machen kann. Offen gesagt, war ich darin die Beste von allen Kindern, die mein Onkel durchzufüttern hatte. So wie ich das sehe, war nicht jedes der ungewaschenen Bälger sein eigenes. Meistens war er so betrunken, dass er nicht geradeaus sehen konnte und erst recht keine verlausten Köpfe zählen, geschweige denn, alle beim richtigen Namen nennen. Merkwürdigerweise wusste er aber stets, dass ich die Alrun war. Vermutlich, weil es ihm in einem der seltenen nüchternen Momente vom Verwalter der Stadt Maressa mitgeteilt wurde, dass sein Bruder und dessen Frau ums Leben gekommen waren und er, als einziger Anverwandter, nun für mich zu sorgen hatte.

Ich war gerade mal dreizehn Jahre alt, als in einer Gewitternacht ein Blitz in den alten Baum einschlug, der gleich neben unserer Hütte auf der Lichtung wuchs. In heißen Sommern spendete er Schatten und im Herbst reichlich Nüsse und Laub. Letztlich spendete er auch den Tod. Das hatte mein Vorfahr sicher nicht erwartet, dass er seine letzte Nachfahrin mit dem Pflanzen eines Baumes vorzeitig zur Waise machen würde. Den Baum hatte der Vater des Vaters meines Vaters gepflanzt. Eigentlich sollte er der Familie Segen und Schutz geben. Mutter hatte immer gesagt, dass er uns eines Tages auf den Kopf fallen würde. Aber Vater weigerte sich stets, ihn zu fällen. Weil: er war ja vom Vater des Vaters und so weiter … Dabei wusste er, dass Mutter manchmal das Zweite Gesicht hatte. Doch er war so stark mit seinen männlichen Ahnen verbunden, dass der Baum ihm wichtiger war als Mutters sensible Ader. Er glaubte einfach nicht daran.

Tja, so geschah es, dass aus Alrun, der Waldhütertochter, Alrun, die Rattenfängerin, wurde. Ich hätte auch Tantes Beruf nachgehen können, dem Lumpensammeln. Doch das war mir zu langweilig. Ich wollte lieber der Ungezieferjagd nachgehen. Das hat mir nämlich geholfen, meine Wut loszuwerden. Bis der unselige Baum unser Heim zerschlug und in Brand setzte, war ich nämlich ein durch und durch glückliches und geliebtes Kind gewesen. Zwar ein Einzelkind und oft einsam, aber ein durch und durch zufriedenes Kind. Ich war oft mit Vater im nahegelegenen Wald unterwegs gewesen. Er zeigte mir, wo die essbaren Pilze wuchsen und lehrte mich, die giftigen zu erkennen und zu meiden. Er war ein stiller, gütiger Mann. Mutter hingegen war ein echtes Temperamentsbündel. Sie lachte und tanzte viel. Einfach nur so, weil ihr danach war. Sie drehte sich auf der Lichtung im Kreise und ihr Haar plusterte sich dabei auf, so wild war sie. Vater lächelte dann immer und schüttelte den Kopf. So viel Übermut kann nicht gut sein, sagte er leise, aber ich konnte in seinen Augen sehen, dass er sich insgeheim freute, dass sein Weib so viel Frohsinn hatte.

Von meiner Mutter lernte ich, auf den Wind zu lauschen, den Regen zu riechen, wenn er noch hinter den Bergen war und uns erst am nächsten Tag erreichen würde. Sie weihte mich ein in die Geheimnisse der Kräuter und wie man mit Steinen singt. An ihr war eine Priesterin der Göttin verlorengegangen. Das dachte ich damals schon. Heute weiß ich es ganz sicher. Wir haben bei der Arbeit im Garten und im Haus viele Lieder gesungen. Den Brotbackofen hatte Mutter eigenhändig gebaut, er war ihr ganzer Stolz. Das Mehl haben wir im Dorf gekauft beim Müller Friedejahn. Wir lebten eine ganze Ecke entfernt von unseren Nachbarn, weil Vater ja der Waldhüter war. Ach, Amareile … es war ein gutes Leben. Einfach, aber gut. Doch ich will nicht länger in meiner Kindheit verweilen. Du willst ja wissen, wie eine Rattenfängerin zur Königlichen Heilerin werden konnte.

Der Vorort von Maressa, wo wir hausten, war ein Elendsviertel. Dreck, Gestank, und Erbärmlichkeit auf die Spitze getrieben. Dennoch, man konnte auch als ganz junge Frau oder gebrechlicher alter Mann des Nachts durch die Straßen ziehen und war doch in Sicherheit. Wir haben aufeinander aufgepasst. Denn wir waren alles, was wir hatten. Mit uns Ausgestoßenen wollte niemand aus Maressa was zu tun haben. Es sei denn, sie brauchten uns, um den Müll wegzuschaffen oder die Ratten und Kakerlaken zu jagen. Wehe, man wagte es, den Reichen in die Augen zu schauen, oder auf dem vereinbarten Lohn zu bestehen, wenn man an einen Geizhals geraten war … dann setzte es Prügel. Nicht, dass die Reichen sich an uns ihre Finger schmutzig gemacht hätten, ganz sicher nicht. Dafür hatten sie ihre Bediensteten, die selber einen niedrigen Stand hatten, aber auf uns herabsahen. Ich glaube ja, sie waren uns sogar auf eine kranke Art dankbar. Denn so, durch unsere Existenz, hatten sie selber das Gefühl, nicht auf der untersten Stufe der Gesellschaft zu stehen. Es ging ihnen ja noch gut, denn es gab welche, also uns Elende, denen es ja noch viel schlechter ging …

Nun, die Zeiten waren wahrhaftig schlecht. Ich war mager, aber zäh. Die ersten vierzehn Jahre meines Lebens war ich wohlgenährt gewesen, im Gegensatz zu den Bruderkindern meines Vaters. Not lernte ich erst in Maressa kennen. Um nicht zu verhungern, haben wir die gefangenen Stadtratten gehäutet und am Stock gebraten. Es war mein Stolz, dass ich, als einziges Ratten jagendes Mädchen in Onkels Clan, die meiste Nahrung heimbrachte. Ich konnte auch Forellen mit der Hand fangen. Bei Gelegenheit bringe ich es dir gerne bei. Ja, schau doch nicht so drein, Amareile! Ich bin jetzt zwar alt und dicklich, aber manches verlernt man eben nie. Ach so, jetzt weiß ich, was du meinst. Wir beide dürfen ja die Schwarzburg nicht verlassen. Stimmt. Wie sollte ich es dir also zeigen? Für einen wundervollen Moment hatte ich vergessen, dass wir an die Burg gebunden sind. Nun ja, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, der Tag an dem die Soldaten kamen.

Wie gesagt, die Zeiten waren schlecht. Es hatte Kriege und Missernten gegeben. Arbeitskräfte waren knapp. König Thorwin brauchte neue Sklaven, Diener und Soldaten. Er hatte eine Hundertschaft übers Land ausgesandt, die kräftigsten und gesündesten jungen Menschen zu holen, die einigermaßen entbehrlich waren. Die Soldaten waren da nicht zimperlich und holten sich vor allem die Jugend aus den Elendsvierteln. Denn: Wer dort überlebte, der musste stark sein. Und er war es gewohnt zu gehorchen. Entweder den Reichen oder den Zwängen seiner gesellschaftlichen Stellung. Außerdem bekamen die Eltern einen Obolus, das muss man ihnen lassen. Sie hätten uns ja auch einfach mit Gewalt rauben können. Nein, ein Rest Anstand war ihnen geblieben, den Königlichen.

Als ich an diesem besonderen Tag heimkam mit vier Fischen und sechs Ratten in den Händen, was leider zu wenig war, um alle satt zu bekommen, waren die Soldaten schon da. Sie hatten sich Rangar gegriffen, den Ältesten, und waren mit Onkel und Tante im Gespräch. Ich habe zu spät begriffen, dass sie auch nach Mädchen Ausschau hielten. Einer der Soldaten, ein schwarzhaariger, grantiger Kerl, hatte Luisa in seinen Griffeln und prüfte ihre Muskeln auf Kraft und dann ihre Zähne auf Gesundheit. Es war ihr Glück, dass sie fast nur schwarze Stummel im Mund hatte. Angewidert stieß er sie zurück. Sie flüchtete sich hinter die Röcke ihrer Mutter und sah leichenblass zu, wie als nächstes ihre Schwester Andra geprüft wurde. Tante sah mich mit gehetzten Augen an, sie zitterte am ganzen Leib, denn sie liebte ihre Brut. Mit spitzem Finger deutete sie plötzlich auf mich und rief: „Nehmt die da!“. In der Tat leuchteten die Augen des Grantlers auf, als er mich sah. Ich war gesünder und kräftiger als alle Kinder zusammen, mit Ausnahme von Rangar. Irgendwie konnte ich Tante verstehen. Schließlich war ich kein Kind ihres Schoßes, hatte nicht ihre Milch getrunken. Ohne ein Wort drückte ich Onkel Fische und Ratten in die Hand. „Alrun …“, flüsterte er hilflos und – zum ersten Mal überhaupt – strich er mir zärtlich übers Haar. Ich konnte in seinen Augen erkennen, dass er ausnahmsweise nüchtern war und dass ich ihm etwas bedeutete. Der andere Soldat warf ihm einen kleinen Beutel mit Geld zu. Dann steckten sie Rangar und mich in den Käfigwagen zu den anderen Unglückseligen und wir verließen die Gegend, die fast drei Jahre lang meine neue Heimat gewesen war.

Es dauerte eine gute Woche, ehe wir in der Schwarzburg ankamen. Von Tag zu Tag wurde es enger im Käfigwagen. Nachts durften wir Frauen und Mädchen neben dem Lagerfeuer schlafen. Die Männer mussten in den Käfigen bleiben, bekamen zerlumpte Decken gegen die Nachtkälte. Die paar Soldaten hatten wohl Angst, die Männer und Jungen könnten sie überwältigen und davonlaufen. Dabei trugen wir alle Fußfesseln, die man ohne ein Messer nicht lösen konnte. Ein Gutes hatte die Sache: Ich bekam Brot zu essen, echtes Brot. Es war nicht so gut wie das, was Mutter und ich in meinem anderen Leben gebacken hatten. Aber sein Duft trug mich dem Himmel entgegen, ich schwebte auf einer Wolke der Zufriedenheit und fühlte mich meinen Eltern wieder näher. Wenn das Schicksal mich eines gelehrt hatte, dann das: Ich war stark. Ich war anpassungsfähig. Ich lernte schnell. Und ein weiteres hatte das Leben mich gelehrt: Wenn man erstmal in den Fluss gefallen war, musste man sich mit der Strömung treiben lassen, hin zu neuen Ufern – denn zurückzuschwimmen, gegen den Strom, genau dorthin, wo man in den Fluss des Schicksals gefallen war, das kostete zu viel Kraft, so viel, dass man dabei den Tod finden konnte. Also sprach ich innerlich einen Segen für den Rattenfängerclan und die Lumpensammler. Und dann vergaß ich sie und schaute nach vorn.

Ich wollte leben. Und ich wollte verdammt sein, wenn ich es nicht schaffte, mir ein drittes Leben aufzubauen. Ich war Alrun. Ich war stark.

Als die Sonne sich anschickte, das achte Mal die Welt in ihren Schlaf zu schicken, seit ich Eigentum des Königs Thorwin geworden war, kam unser Tross in Sichtweite der Schwarzburg. Finster thronte sie auf den Klippen. Das Licht der Sonne warf vergebens ein letztes warmes Leuchten auf den schwarzen Stein. Ich spürte seine Kälte förmlich aus der Entfernung. Schaudernd wandte ich meinen Blick ab. Ich hörte ein wildes Vogelgekreische. Solche Töne kannte ich nicht, denn ich war nie am Meer gewesen. Ich sah es von hier aus nicht, aber ich hörte es. Ich roch es. Salz, Wildheit, ein wenig Tod und ganz viel Leben, Tiefe und Kälte … all das nahm ich mit meinen feinen Sinnen wahr. Es war gewaltig und faszinierte mich. Die Rothaarige, die an mein linkes Bein gefesselt war, plapperte die ganze Zeit nervös. Ich hörte ihr nicht zu. Viel lieber vertiefte ich mich in die für andere Menschen unhörbare Stimme dieses Landstrichs. Da war ich ganz Mutters Tochter.

Die Zugpferde legten sich ins Zeug und in der Tat rollten die Karren mit ihrer menschlichen Last durchs Tor, noch bevor die Dämmerung dieses Tages sich zur Nacht wandelte. Das Knarren und Ächzen, als es sich hinter uns schloss – es klang wie ein steinaltes, lebendiges Wesen – werde ich nie vergessen. Die Nacht verbrachten wir in einer Scheune im Stroh liegend. Der König schien kein Unmensch zu sein, denn zwei Diener kamen mit Körben voller Brot und Hartkäse, auch ein Apfel wurde jedem zugeteilt. Ich schnupperte vorsichtig an der roten Flüssigkeit, die uns in Holzbechern gereicht wurde. Sie roch leicht säuerlich, fruchtig … und dann erinnerte ich mich: Hagebuttentee! Er erinnerte mich an meine Kindheit, mein wahres Zuhause. Ich konnte nicht verhindern, dass mir plötzlich die Tränen über die Wangen kullerten, als ich den Honig im Tee herausschmeckte. Vielleicht war dies ja doch kein böser Ort … Drüben in der Ecke saß Rangar, der große, kräftige Kerl, auch er weinte still. Seltsam, von diesem Tag an sprach er nie wieder mit mir. Er tat, als würde er mich nicht kennen.

Am nächsten Tag wurden wir, unseren Fähigkeiten gemäß, zur Arbeit eingeteilt. Mich wollten sie in die Waschküche stecken. Doch dazu kam es nicht. Es war wirklich merkwürdig. Da war auf einmal diese alte Frau. Sie trug ein langes, schlichtes Kleid aus weißer Wolle und eine rote Kordel gürtete ihre Taille. Ihre Haare waren auf eine komplizierte Art geflochten und verfilzt. Dennoch sahen sie blitzsauber aus. Nicht so wie meine fettigen Haare, wo noch Strohhalme drinsteckten. Sie schaute mich nicht direkt an. Eher so knapp an mir vorbei, als suchte sie etwas oder als würden Mücken mich umschwirren. Aber da waren keine. Ich hörte das Kreischen der Möwen verstummen und das Meer wurde plötzlich still. Auch ich hielt den Atem an. Sie fragte mich, wie das Wetter in drei Tagen sein würde. Der Verwalter zog eine Augenbraue hoch und schaute mich mit neuem Interesse an. Ich war verunsichert, aber dass ein Unwetter heraufzog, das hatte ich schon in der Nacht in meinen Knochen gespürt. Mir schien es klüger, die Frage der Alten höflich zu beantworten. Sie hatte etwas an sich, das mir Respekt einflößte. Leise sagte ich, dass ein Sturm aufziehe, weit draußen über dem Meer, und dass er schwere Regenfälle mit sich bringen würde. Der Verwalter lachte laut auf und rief, das wäre unmöglich bei diesem herrlichen Sommer, den wir heuer hätten. Die Alte warf ihm einen strengen, ja schon giftigen, verächtlichen Blick zu, der ihm das Lachen nahm. In drei Tagen bringst du sie zu mir. Es war eindeutig ein Befehl, und ja, der Mann verneigte sich unterwürfig und murmelte Wie Ihr wünscht, große Daranta. Danach drehte sich die Welt weiter und die Möwen kreischten. Daranta, das war also ihr Name. Sie war mein Schicksal.

Ach, gib mir doch bitte noch einen Becher Met, Amareile, sei so gut. Ich mag nicht aufstehen, weil Katerchen so schön schläft. Danke, Kind. Also, eine Woche später, als alle noch damit beschäftigt waren, die Verheerungen des Unwetters zu beseitigen – es hatte im Land sogar Tote gegeben – bezog ich eine Kammer in Darantas Anwesen. Fortan war ich ihre Schülerin. Sie war die beste Heilerin und Hebamme des Königreiches. Und als wäre das nicht genug, war Daranta auch Hohepriesterin der Lichtgöttin, die meine Mutter so verehrt hat. Ja, es ist wahr, ich entstamme dem Schoß einer langen Reihe von Licht-Töchtern, die mit ihrem ganzen Sein und Trachten der Göttin dienen. Zwei wunderbare Jahre des Lernens und Dienens folgten.

Dann verliebte ich mich in einen Pferdeknecht. Er hatte die schönsten blauen Augen, die ein Mann nur haben kann. Und erst sein Lächeln! Als wäre es sonnengeboren … Eines Tages war er fort. Angeblich hatte er Fernweh bekommen und auf einem der Schiffe, die im Hafen liegen, angeheuert. Hätte ich in diesen bitteren Tagen des Liebeskummers schon gewusst, dass Daranta ihn um meinetwillen hat fortschicken lassen, so wäre ich noch in derselben Stunde fortgelaufen. Ihm hinterher. Aber ich war jung und dumm. Nun ja. Niemand kann seinem Schicksal entkommen, auch du nicht, meine kleine Amareile. Und erst recht nicht die Zwillingsprinzen. Ich selbst habe sie auf die Welt geholt. Daranta war nicht anwesend, als die Wehen bei der Königin einsetzten. Sie war auf der Insel, wo sich die Hohen Lichtpriesterinnen einmal im Jahr zur Einkehr und Versenkung in das göttliche Mysterium zurückziehen. Du kannst dir nicht vorstellen, wie verängstigt ich war. Ich hatte zwar schon einigen Geburten beigewohnt, auch glücklosen, ich wusste, was ich zu tun hatte. Aber die Königin? Was, wenn mir ein Fehler unterliefe? Was, wenn sie mir unter den Händen wegstürbe? Hebammen sind nicht allmächtig. Ich sage dir jetzt, was außer mir niemand weiß. Ich bin schuld am schwachen Arm des Prinzen. Mein Fehler, meine Schuld … ich werde es mir nie verzeihen, dass ich die Nerven verlor und zu sehr an seinem Arm zog. Aber hätte ich das Leben der Königin riskieren sollen? Die Kinder lagen beide falsch. Es war einfach noch zu früh, sie hatten sich noch nicht gedreht. Der Erstgeborene, ich beraubte ihn seiner Stellung als Thronfolger. Wie sehr habe ich geweint! Jede Nacht, wirklich jede Nacht, wochenlang. Ich schämte mich so sehr. Und doch, es war Schicksal. Alles hat seinen tieferen Sinn. Auch du, mein Kind, dein Leid hat einen Sinn. Du wirst ….“

Alrun hatte die letzten Sätze mit immer leiser werdenden Stimme gesprochen. Amareile warf hochzufrieden einen Blick auf das kleine, unscheinbare Buch, das sie vor einer Stunde wieder sorgfältig an seinen Platz im Regal zurückgeschoben hatte, genau in den Staubumriss zurück. Alrun würde nie erfahren, dass ihre Schülerin ein Wahrheitsserum gebraut hatte. Was hatte Alrun eben gemurmelt, als sie einschlief? Amareile, du wirst den Mörser beschweren? Sie warf einen skeptischen Blick auf den schweren Mörser aus Stein und seinen Stößel, der gesäubert auf der Arbeitsplatte stand. Nein, das konnte Alrun nicht gemeint haben. Es hatte mehr geklungen wie Du wirst den Erlöser gebären …

Amareiles Herz begann zu rasen.

 

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